Die Eule der Minerva - fliegt sie wieder?
Zu den Hintergründen, Themen und Zielen dieses Blogs
„Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt,
dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden,
und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht
verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule
der Minerva beginnt erst in der einbrechenden
Dämmerung ihren Flug.“
(Hegel 1970: 28)
Natürlich war es dieses berühmte Zitat aus Hegels ebenso berühmten wie viel und kontrovers diskutierten Grundlinien der Philosophie des Rechts aus dem Jahr 1820, was uns dazu angeregt hat, unseren Blog „Die neue Eule der Minerva“ zu nennen. Minerva bzw. Athene galt in der römischen bzw. griechischen Antike als die Göttin und Schutzpatronin der Weisheit und des philosophischen Denkens, und ihr war in vielen Darstellungen eine Eule als Attribut beigegeben, die ja bis heute als Symbol für Klugheit, Weisheit und Wissenschaft gilt. So kann man beispielsweise am nördlichen Ende der Alten Brücke in Heidelberg eine Minerva-Statue besichtigen, der eine kleine und auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbare Eule zu Füßen sitzt, und tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass es diese kleine Eule war, die Hegel, der ja einige Jahre auch in Heidelberg gelebt und gelehrt hat, zu seiner schönen Metapher von der Eule in der Dämmerung angeregt hat (vgl. Vieweg 2020: 425).
Aber es gibt noch einen zweiten, nicht nur bildlichen oder symbolischen, sondern auch inhaltlichen Grund für unsere Bezugnahme auf das bekannte Hegel-Zitat. Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug ja erst in der einbrechenden Dämmerung, d.h. das philosophische Denken setzt erst ein, wenn „eine Gestalt des Lebens alt geworden“ ist, wenn die Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten dieser Lebensform fragwürdig und brüchig geworden sind, wenn eine alte und überkommene Lebensform zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Das bezog sich zu Hegels Zeiten natürlich auf die traditionelle europäische Ständegesellschaft mit ihren herkömmlichen gesellschaftlichen Rollen und Machtpositionen, die seit der Französischen Revolution fragwürdig und unsicher geworden waren; und es waren ja nicht zuletzt Philosophen wie Hegel und seine Vorgänger und Nachfolger, die nicht nur Wissenschaft und Religion, sondern vor allem auch Gesellschaft und Politik auf neue und aus der menschlichen Vernunft abgeleitete Grundlagen stellen wollten. Das Bewusstsein, in einer Zeit des Umbruchs zu leben, in der alte Muster des Lebens und Denkens nicht mehr galten und in der etwas Neues entstand, war den Genannten wie vielen anderen auch dann gemeinsam, wenn sie das Alte verteidigen wollten und dem Neuen eher misstrauisch gegenüber standen.
Aber leben wir heute, also über zweihundert Jahre nach dem Erscheinen von Hegels Rechtsphilosophie, nicht auch wieder in einer solchen Übergangs- und Umbruchszeit, in der eine Lebensform, nämlich die aufgeklärte, kapitalistische und 'westliche‘ Moderne mit ihrem Versprechen von materiellem Wohlstand für alle, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, alt geworden ist und sich etwas Neues herausbildet? Und wenn das so ist, worum handelt es sich dann bei diesem Neuen, haben wir es mit einer Zuspitzung und Radikalisierung der der Moderne immer schon inhärenten Widersprüche, mit einem vielleicht nur vorübergehenden Rückfall in vormoderne Muster oder mit einer unwiderruflichen Abkehr von der Moderne und den mit ihr einhergehenden Lebensformen, Denkmustern und Wertorientierungen zu tun? Bricht also auch auf uns heute wieder, wie auf Hegel und seine Zeitgenossen vor ziemlich genau 200 Jahren, eine Zeitendämmerung herein, die die Eule der Minerva dazu veranlassen sollte, erneut loszufliegen und das philosophische Grau in Grau mit dem ihr eigenen Licht der Weisheit zu durchdringen, diesmal aber vielleicht doch mit dem Anspruch, die sich anbahnenden Veränderungen einer alternden Lebensform nicht nur zu erkennen, sondern auch geeignete Mittel zur Verjüngung bereitzustellen?
Damit ist der thematische Rahmen, innerhalb dessen unser Blog sich bewegen wird, gesetzt: Allen Beiträgen wird die übergreifende Frage gemeinsam sein, wie es um die zentralen Errungenschaften von Aufklärung und Moderne bestellt ist, vor welchen Herausforderungen wir im Hinblick auf eine mögliche Aufrechterhaltung oder Veränderung moderner Lebensformen, Denkmuster und Wertorientierungen stehen und mit welchen Widersprüchen wir es dabei zu tun haben. Wie steht es um die Demokratie, um demokratische Institutionen, Prinzipien und Überzeugungen? Haben sie noch eine Zukunft oder werden sie perspektivisch durch autokratische Herrschaftsformen abgelöst? Was verbinden wir noch mit gesellschaftspolitischen Wertorientierungen wie Rechtsstaatlichkeit, sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten? Ist Humanität ein veraltetes Ideal, das ein überkommenes Menschenbild weiter tradiert und das heute zunehmend durch trans- und posthumane Vorstellungen abgelöst wird? Sind die technischen Möglichkeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz ein Segen für die Menschheit oder führen sie eher zur Herausbildung neuer Abhängigkeiten und zur Unterwerfung der menschlichen Vernunft und Freiheit unter die Logik sich verselbstständigender Algorithmen? Welche Vorstellungen verbinden wir heute mit Konzepten wie 'Freiheit‘, 'Verantwortung‘ oder 'Gerechtigkeit‘, und wie stellen wir uns heute gesellschaftlichen Fortschritt vor? Ist 'Fortschritt‘ überhaupt noch eine brauchbare Kategorie und wenn ja, lässt sich 'Fortschritt‘ anders denken denn als immer weiter fortschreitende Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen? Wie gehen wir mit dem menschengemachten Klimawandel, aber auch generell mit der Verseuchung und Vergiftung der Natur, mit Artensterben und anderen ökologischen Katastrophen um? Haben wir als Menschen überhaupt noch eine Zukunft? Und wenn ja, wie könnte sie aussehen? Und was meinen wir überhaupt, wenn wir von 'Zukunft‘ sprechen?
Das sind einige der Fragen, um die es hier gehen soll, aber es sind nur Beispiele, denen weitere hinzuzufügen wären. Eines sollte dabei aber von vornherein klar sein: Es wird hier nicht um tages- oder gar parteipolitische Themen gehen, und es soll auch keine bestimmte politische Richtung propagiert werden, gelte sie nun als 'links‘, als 'rechts‘ oder als etwas dazwischen oder außerhalb. Andere und von der jeweils eigenen abweichende Meinungen werden hier nicht – mit welcher Wortwahl auch immer – abgekanzelt und verächtlich gemacht, sondern in ihrer je eigenen Rationalität – sofern vorhanden – gewürdigt und wertgeschätzt. Es soll hier also ausschließlich rational und nach den Regeln eines fairen und vernünftigen Diskurses zugehen. Wer der Meinung ist, dass ein solcher Anspruch schon immer eher zu einer 'linken‘ als zu einer 'rechten‘ Tradition gehörte, dem soll an dieser Stelle nicht widersprochen werden, aber es geht uns ausdrücklich nicht darum, uns auf der herkömmlichen und das offene Denken eher erschwerenden als fördernden Links-Rechts-Skala irgendwo zu verorten.
Die Grundidee des Blogs ist, sich in den einzelnen Beiträgen den oben genannten wie weiteren Fragen auf diskursivem Weg zu nähern. Es soll dabei auch nicht der Anspruch erhoben werden, als seien wir, also die Autorinnen und Autoren dieses Blogs, diejenigen, die – um noch einmal auf unser Hegel-Zitat zurückzukommen – die Rolle der fliegenden Eule spielen und die das philosophische Grau in Grau mit ihrer unendlichen Weisheit durchdringen. Diese Rolle kommt vielmehr dem aktuellen philosophischen, wissenschaftlichen oder fachlichen Diskurs zu einem bestimmten Thema zu, mit dem wir uns in den einzelnen Beiträgen kritisch auseinandersetzen. Dabei soll es sich um eine offene Auseinandersetzung handeln, bei der es eher um Fragen als um feste und als allein 'richtig‘ geltende Antworten geht und bei der auch nicht nur eine Perspektive und ein Zugang zu der jeweiligen Problematik zu Wort kommen soll. Stattdessen streben wir eine kritisch-argumentative Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Zugängen an, wie sie sich in einschlägigen Publikationen zum jeweiligen Thema finden lassen, vor allem in einschlägigen Sach- und Fachbüchern, aber natürlich auch in anderen medialen Formaten nicht zuletzt aus der digitalen Welt finden lassen. Dabei werden vorrangig deutschsprachige oder ins Deutsche übersetzte Publikationen zu berücksichtigen sein, im Einzelnen wird aber die von den Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge getroffene Auswahl in den jeweiligen Beiträgen selbst zu erläutern und zu begründen sein.
Mit dem Bezug zu Hegel und seinen Zeitgenossen, mit den angesprochenen Themen, Fragen und Perspektiven und mit unserem explizit diskursiven Anspruch stellen wir uns ganz bewusst in eine bestimmte Tradition des Denkens, die oben auch schon angesprochen worden ist: die Tradition der europäischen Aufklärung und ihre Orientierung an Vernunft, Humanismus und Menschenrechten. Wenn im politischen Diskurs in Deutschland und Europa, etwa im Zusammenhang mit Migration und Integration, die Frage diskutiert wird, was das spezifisch 'Deutsche‘ oder 'Europäische‘ ausmacht, welche Werte so etwas wie gesellschaftlichen Zusammenhalt stiften können und was es im Zweifelsfall auch zu verteidigen gelte, dann wird insbesondere von eher konservativen Politikerinnenn und Politikern gerne auf diese Tradition der europäischen Aufklärung verwiesen, und tatsächlich beruht ja das oberste Wertefundament des politischen und gesellschaftlichen Handelns in Deutschland, das Grundgesetz, maßgeblich auf dieser Tradition. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen haben wir angesichts der aktuellen disruptiven Entwicklungen allen Anlass, darüber sehr ernsthaft nachzudenken, wie es um diese Tradition und die von ihr hochgehaltenen Grundsätze von Rationalität, Humanität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bestellt ist und welche Zukunft diesen Grundsätzen bevorsteht oder eher droht. Es ist vor allem die Sorge um diese Grundsätze und um das, was aus ihnen folgt, was uns zum Schreiben dieses Blogs gedrängt und motiviert hat.
Die einzelnen Beiträge des Blogs, das wurde oben ja bereits erwähnt, werden sich jeweils mit einem bestimmten Sachthema auseinandersetzen, das sich aus diesem inhaltlichen Gesamtzusammenhang ergibt. 'Auseinandersetzung‘ heißt in diesem Fall, dass jeweils einschlägige Buchpublikationen in einer Art Sammelrezension dargestellt, gewürdigt und kritisch diskutiert werden, um auf diese Weise unterschiedliche Perspektiven und Positionen zu dem betreffenden Thema sichtbar zu machen, aber auch argumentativ zu beurteilen und einzuordnen. Auch bei der Wahl eines solchen Formats greifen wir auf Vorbilder aus der Tradition der Aufklärung zurück, etwa auf Lessings Briefe die neueste Literatur betreffend (1759-65) oder auf Johann Gottfried Herder und seine Briefe zur Beförderung der Humanität (1793-96), wo jeweils anhand von Rezensionen zu neueren Veröffentlichungen grundsätzliche Fragen erörtert und so zu Bildung und Aufklärung des Publikums beigetragen werden sollte.
Neben den themenorientierten wird es in gewissen Abständen auch solche Beiträge geben, die sich unter der Überschrift „Was bleibt von...?“ mit einzelnen Autorinnen und Autoren oder Denkschulen aus der Tradition der Aufklärung und des philosophisch-politischen Denkens in einem weiteren Sinn auseinandersetzen und dabei insbesondere der Frage nachgehen werden, was wir mit dem jeweiligen Werk heute noch anfangen können und inwiefern es geeignet ist, uns heute noch im Hinblick auf die uns beschäftigenden Fragen und Probleme weiterzuhelfen. Konkret kann es dabei etwa um Beiträge zu der Frage „Was bleibt von Kant?“, „Was bleibt von der Frankfurter Schule?“ oder etwa auch „Was bleibt von Thomas Mann?“ gehen, motiviert beispielsweise von den üblichen Jubiläen wie runden Geburtstagen oder anderen Anlässen. Und nicht zuletzt will unser Blog auch ein Ort sein für die Besprechung und Diskussion aktueller und besonders wichtiger literarischer Texte, in denen die uns umtreibenden Fragen ja ebenfalls, wenn auch in anderer Form, verhandelt werden.
Mit seinen Themen und Fragen, mit seiner konsequent diskursiven Orientierung und mit seiner expliziten Berufung auf die Tradition von Aufklärung und Humanismus will unser Blog im ohrenbetäubenden Lärm des medialen und insbesondere digitalen und 'sozialen‘ Kampfes um Sichtbarkeit und Selbstinszenierung eine leise, aber doch vernehmbare Stimme sein, für die sicherlich nur wenige die notwendigen Sensoren und die erforderliche Geduld mitbringen. Unsere Themen, unser diskursiver Anspruch und unsere deutliche Orientierung an der Tradition der Aufklärung sind völlig aus der Zeit gefallen und könnten unzeitgemäßer kaum sein. Aber vielleicht besteht ja gerade in diesem Unzeitgemäßen, in diesem Bestehen auf Vernunft und Humanität, auch eine Chance, von einigen, die wie wir das mediale Geschrei und Getöse satthaben und sich nach ruhigem Nachdenken sehnen, doch gehört zu werden. Und dass wir dabei trotz Hegel doch die stille Hoffnung hegen, ein ganz klein wenig zur Verjüngung einer zwar alt gewordenen, aber die Werte eines humanen Umgangs pflegenden und hochhaltenden Lebensform beitragen zu können, soll nicht verschwiegen oder geleugnet werden.
Claus Altmayer, im Februar 2026
Literatur:
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1970): Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Vieweg, Klaus (2019): Hegel. Der Philosoph der Freiheit. Biographie. München: Beck.