Zeitendämmerung - Sinnhorizonte in Zeiten der Verunsicherung

„Alle Wendezeiten sind derart von Noch- Nicht-Bewußtem gefüllt, auch überfüllt […]. Der Mensch fühlt sich in solchen Zeiten deutlich als nicht festgestelltes Wesen, als eines, das zusammen mit seiner Umwelt eine Aufgabe ist und ein riesiger Behälter voll Zukunft.“
(Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Band 1, S. 134-35).

Zur Metapher der "Zeitendämmerung"

Dass wir uns in Deutschland, in Europa und in der ganzen 'westlichen Welt‘ in einer "Wendezeit" befinden, wie es bei Ernst Bloch heißt, in einer Zeit des Umbruchs, die zwar voller Zukunft ist, in der aber auch vertraute Normalitäten und Orientierungen wegbrechen und in der Neues entsteht, das wir (noch) nicht einordnen können, das daher Ängste und Unsicherheiten im je eigenen Leben, aber auch und vor allem im Blick auf Politik und Gesellschaft hervorbringt – um diese weit verbreitete Erfahrung soll es in den ersten Beiträgen unseres neuen politisch-philosophischen Blogs gehen, und sie soll mit der Rede von einer 'Zeitendämmerung‘ sozusagen bildhaft auf den Begriff gebracht werden. Das Wort 'Dämmerung‘ nämlich kann ja zweierlei bedeuten, es kann sich auf die Abenddämmerung beziehen, wenn der bisherige Tag zu Ende geht, wenn Dunkelheit hereinbricht und die Nacht bevorsteht, es kann sich aber auch auf die Dämmerung am Morgen beziehen, wenn die Nacht zu Ende geht, wenn das Licht sich wieder ausbreitet und der neue Tag anbricht. Genau diese Doppeldeutigkeit und dieses Dazwischen, zwischen dem Alten und Bekannten auf der einen und dem Neuen und noch nicht Bekannten auf der anderen Seite soll mit der bildhaften Rede von einer 'Zeitendämmerung‘ zum Ausdruck und auf den Begriff gebracht werden. Und befinden wir uns dann nicht jetzt gerade, um das Bild noch ein wenig weiter auszuschmücken, in der Dunkelheit der Nacht zwischen Abend- und Morgendämmerung und benötigen dringend Licht in Form von gemeinsamem Nachdenken darüber, wo wir stehen und wohin wir weiter gehen wollen? 

Zu diesem Nachdenken möchte der vorliegende Blog hier und heute, aber auch in allem, was noch kommt, einen bescheidenen Beitrag leisten, und deswegen soll es hier zunächst explizit um diese Fragen gehen, wo wir stehen und wo es hingehen kann und soll. Von der Zukunft und von unseren Hoffnungen, aber auch von möglichen oder auch nicht mehr überzeugenden Sinnhorizonten also soll die Rede sein, oder genauer: Es soll davon die Rede sein, was wir in einigen ausgewählten (in der Regel deutschsprachigen oder ins Deutsche übersetzen) Publikationen aus den letzten zwei bis drei Jahren zu diesen Fragen an möglichen Antworten finden, welche konkreten Themen und Probleme und welche weiter führenden Fragen darin angesprochen werden, wie also insgesamt die uns ja alle angehenden Fragen im politisch-philosophischen Diskurs verhandelt werden, welche Aspekte dabei im Vordergrund stehen und welche vielleicht auch übersehen werden. Es soll und muss also auch davon die Rede sein, welche Stärken und Schwächen die diskutierten Publikationen aufweisen, welche interessanten und weiterführenden Aspekte sie sichtbar machen, welche Fragen und Probleme unbeantwortet bleiben und an welchen Stellen sie möglicherweise völlig falsch liegen und warum. Dem 'Warum‘ soll dabei eine sehr wichtige Rolle zukommen, denn es soll ja nicht oder zumindest nicht nur um das Herausarbeiten und Sichtbarmachen von unterschiedlichen Meinungen gehen und schon gar nicht um persönliche Angriffe oder Diffamierungen, sondern allein um den diskursiven Austausch sachlich begründeter Positionen, um Argumentation und Diskurs über die (hoffentlich) gemeinsame Sache. 

Das gewählte Thema dieses ersten Blog-Beitrags hat sich während der Arbeit als recht komplex erwiesen, auch die Zahl der einzubeziehenden Publikationen war, der recht rigiden Auswahlkriterien ungeachtet, doch so groß, dass es sich am Ende als sinnvoll herausgestellt hat, das Thema auf vier Einzelbeiträge zu verteilen, die nach und nach erscheinen werden. Nach der Zukunft, dem Thema des heutigen ersten Beitrags, wird es beim nächsten Mal um 'Hoffnung‘ gehen, bevor wir in den Teilen 3 und 4 der Frage nachgehen werden, inwieweit uns die klassischen Begriffe eines modernen zukunftsorientierten Selbst- und Weltverhältnisses heute noch als gesellschaftliche Sinnhorizonte weiterhelfen oder ob diese angesichts des Zustands der Welt nicht mittlerweile verbraucht, veraltet und abgestanden wirken. In Teil 3 wird es daher zunächst um die bekannten Prozessbegriffe wie 'Modernisierung‘, 'Fortschritt‘ oder 'Wohlstand‘ gehen, bevor im 4. Teil die Bedeutung und Überzeugungskraft universaler Wertorientierungen wie der Menschenrechte als normative und sinnstiftende Alternative diskutiert wird – alles Themen und Fragestellungen, bei denen man sich über einen Mangel an seriösen Publikationen aus den Politik- und Sozialwissenschaften, aber auch aus philosophischer oder geschichtswissenschaftlicher Perspektive derzeit kaum wird beklagen können. 

Dass es dabei generell nur um einige ausgewählte Publikationen und keinesfalls um eine vollständige Abbildung des aktuellen Diskurses gehen kann, liegt zwar nahe, soll aber gleichwohl noch einmal klargestellt werden, zumal schon ein nur oberflächlicher Blick in das Angebot auf dem deutschsprachigen Sachbuchmarkt zeigt, dass die genannten Themen derzeit – sicher nicht zufällig – boomen wie selten zuvor. Die Auswahl der hier diskutierten Neuerscheinungen folgt einerseits gewissen persönlichen Präferenzen, orientiert sich aber darüber hinaus auch an der (leider nicht immer berechtigten) Erwartung, dass es den jeweiligen Autorinnen und Autoren vor allem um die Sache und weniger um Selbstdarstellung geht, die in der aktuellen Medienlandschaft ja leider besonders gepflegt wird. Wenn sich diese Erwartung bei der genaueren Lektüre gelegentlich als unbegründet herausstellt, wird die betreffende Publikation in der Regel nicht weiter berücksichtigt. Es gibt, wie wir gleich zu Beginn schon sehen werden, auch Ausnahmen von dieser Regel, wenn es sich nämlich um recht prominente Bestseller-Autorinnen oder -Autoren handelt, die durch ihre Bücher eine gewisse Präsenz in der öffentlichen Debatte erlangt haben. In solchen Fällen wurden ihre Bücher auch dann, wenn sie inhaltlich nicht viel hergeben, gleichwohl mit in die Besprechung aufgenommen.