Zeitendämmerung.
Teil 1: Zukunft
Zukunft? Welche Zukunft?
Wann hat das eigentlich angefangen, dieses Gefühl, dass sich da gerade etwas grundlegend ändert, dass etwas Wichtiges wegbricht und etwas Neues beginnt, von dem wir noch nicht wissen, was es ist und ob wir es eher fürchten oder eher begrüßen sollten, für das also, was wir hier als 'Zeitendämmerung‘ bezeichnet haben? Hat es mit dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine im Februar 2022 angefangen, der im Deutschen das Wort 'Zeitenwende‘ populär gemacht und zu einer Renaissance des Militärischen in öffentlichen Diskursen geführt hat? Oder schon zwei Jahre früher mit den ersten Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Pandemie im Frühjahr 2020, als mit dem Verweis auf den Schutz von Leben und Gesundheit andere Grundrechte wie das Recht auf Freizügigkeit massiv eingeschränkt wurden und bei vielen eine gewisse Skepsis im Hinblick auf Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit ausgelöst wurde? Welche Rolle haben die erste Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA im November 2016 und die Umstände seines vorübergehenden Abgangs im Januar 2021 gespielt oder die drastisch gewachsene Zustimmung zu rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien, Bewegungen und Diskursen überall auf der Welt, auch und insbesondere in Europa und in Deutschland?
Wahrscheinlich wird man nie genau wissen, wann und womit es angefangen hat, aber sicher ist, es ist da: das Gefühl der Verunsicherung, eine weit verbreitete diffuse Angst vor dem, was auf uns zukommt, und dabei war von wichtigen Faktoren, die zu Verunsicherung und Zukunftsangst beitragen, bisher noch gar nicht die Rede: Klimawandel, Artensterben, Plastikmüll und andere Symptome der globalen Naturzerstörung zum einen, die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich auf nationaler und globaler Ebene zum zweiten, Digitalisierung und der Siegeszug der künstlichen Intelligenz zum dritten. Wohin wird uns das alles führen? Stehen wir vor Krisen und Konflikten, deren Ausmaße und Folgen wir uns im Augenblick noch gar nicht vorstellen können? Werden sich die demokratischen politischen Systeme, die wir noch in den 1990er Jahren auf dem finalen Siegeszug wähnten, auch künftig bewähren oder werden sie mittelfristig autokratischen oder gar offen faschistischen Herrschaftsformen weichen müssen? Wird es gelingen, den menschengemachten Klimawandel auf einem bestimmten Niveau der globalen Erwärmung aufzuhalten oder zumindest die schlimmsten Folgen in den Griff zu bekommen? Was bedeutet das für die Wirtschaft? Wird es dem marktliberalen Turbokapitalismus, wie er sich seit den 1990er Jahren nahezu weltweit durchgesetzt hat, gelingen, die aktuellen Herausforderungen zu meistern oder beobachten wir gerade das Ende der Globalisierung und die Rückkehr zum protektionistischen Staatskapitalismus? Was sind mögliche Alternativen und wie erfolgversprechend sind Formen eines nachhaltigen Wirtschaftens, das humanen, sozialen und ökologischen Interessen gleichermaßen gerecht wird? Werden wir die rasante Entwicklung im Bereich von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz noch steuern können oder werden sich die Dinge so verselbstständigen, dass sich unsere herkömmlichen Vorstellungen von Humanität und sozialem Miteinander in Luft auflösen? An welchen grundlegenden moralischen Maßstäben, an welchen Zielen und an welchen Werten können wir uns in unserem Handeln noch orientieren? Wie also, so können wir alle diese Fragen zu einer zusammenfassen, sollen und können wir uns so etwas wie 'Zukunft‘ vorstellen, eine Zukunft zumal, in der es sich zu leben lohnt und die auch unseren Kindern und Enkelkindern noch Perspektiven für ein gutes Leben bietet? Und was wäre das überhaupt, ein 'gutes Leben‘?
Zukunft als Forschungsthema
Steigen wir also ein mit der Frage nach der Zukunft. Aber bevor wir so richtig mit der Lektüre und der Diskussion loslegen, müssen wir zumindest kurz noch ein wenig grundsätzlich werden und fragen: Was ist das überhaupt, Zukunft? Die Antwort scheint auf den ersten Blick recht einfach: Zukunft ist ein Modus von Zeit, wir beziehen uns mit diesem Wort auf diejenigen Ereignisse, Handlungen oder Erfahrungen, die noch nicht real sind, die noch vor uns liegen, sei es in der nächsten halben Stunde, sei es im nächsten Monat oder sei es auch erst in 20 oder 100 Jahren, die wir erwarten, auf die wir uns freuen und die wir vielleicht auch fürchten. Genauer gesagt müssten wir hier eigentlich vom 'Zukünftigen' sprechen, also von dem, was sich ereignen wird, im Gegensatz zu dem, was sich gerade ereignet oder schon ereignet hat. Mit 'Zukunft‘ nämlich beziehen wir uns, genau besehen, nicht so sehr auf die einzelnen Ereignisse, sondern auf den abstrakten Zeitraum, in dem diese sich ereignen und von dem wir heute meist annehmen, dass er nicht von einer uns unverfügbaren Macht wie dem Schicksal, der Vorsehung oder einem göttlichen Ratschluss vorbestimmt ist, sondern dass es sich um einen offenen Horizont handelt, den wir als Menschen frei gestalten können und müssen.
Philosophisch gesprochen gehört diese Offenheit gegenüber der Zukunft immer schon zum Menschsein dazu, indem wir unser menschliches Dasein in diese offene Zukunft hinein entwerfen. Wir orientieren uns in unserem alltäglichen und gegenwärtigen Handeln an den mehr oder weniger selbstverständlichen Erwartungen des Zukünftigen. Die Zukunft ist also keine Realität, die irgendwo außerhalb von uns und unseren menschlichen Daseinsentwürfen existiert, Zukunft ist unsere Vorstellung und unsere Erwartung in Bezug auf das, was kommen wird, sei es die ganz banale Erwartung, dass morgen die Sonne wieder aufgeht, dass der nächste Winter ganz bestimmt kommt oder dass wir am nächsten Wochenende vielleicht zum Wandern in die Berge fahren werden. Auch von der weiter weg liegenden Zukunft machen wir uns mehr oder weniger konkrete Vorstellungen, etwa dass wir irgendwann Kinder haben wollen, dass wir in einem bestimmten Beruf arbeiten und irgendwann in Rente gehen werden. Und nicht zuletzt wissen wir auch, dass wir irgendwann sterben werden, und auch von dem, was danach kommt, haben wir vielleicht bestimmte Vorstellungen, die sich auf unser Handeln im Alltag auswirken. Ein Mensch, der fest daran glaubt, dass ihn nach dem Tod das ewige Leben in einem himmlischen Paradies erwartet, wird sich im Leben sicher anders orientieren als jemand, der davon überzeugt ist, dass es nur dieses eine irdische Leben gibt und dass danach alles vorbei ist.
Man sieht an diesen Beispielen schon, dass es sich bei 'Zukunft‘ in diesem Sinn einer Erwartung und einer Vorstellung davon, was morgen oder übermorgen oder in 50 Jahren sein wird, eben doch nicht um eine völlig offene und zufällige, sondern um eine vielfach sozial und kulturell vorgeprägte oder sagen wir lieber vorgedeutete Angelegenheit handelt, also um etwas, bei dem wir uns in unseren je individuellen Vorstellungen und Erwartungen auf bereits vorhandene und von anderen geteilte Vorstellungen und Erwartungen beziehen und stützen. Zukunft ist, so gesehen, immer schon ein soziokulturelles Phänomen, und in diesem Sinn ist sie auch schon seit längerem Gegenstand kultur-, geschichts- und sozialwissenschaftlicher Forschung, die z.B. danach fragt, inwieweit unsere Vorstellungen von der Zukunft über die Jahrhunderte hinweg gleichgeblieben sind oder sich verändert haben.
Der deutsche Kulturhistoriker Lucian Hölscher hat in seinem 2016 in zweiter Auflage erschienenen Buch Die Entdeckung der Zukunft gezeigt, dass die sehr grundlegende und uns scheinbar so selbstverständliche Vorstellung eines Raum-Zeit-Kontinuums, in dem man sich von da nach da bewegen kann und in dem die Zeit kontinuierlich von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinein fortschreitet, den Menschen des europäischen Mittelalters völlig unbekannt war und sich erst seit dem 13./14. Jahrhundert langsam herausgebildet hat. Die Menschen lebten bis dahin in ihrem Alltag in der Erwartung, dass alles Kommende nach den Mustern ablaufen würde, die sie aus der Vergangenheit kannten und dass ansonsten in absehbarer Zukunft mit der Wiederkehr Jesu Christi das Weltende bevorstehe (vgl. Hölscher 2016: 19-34).
Erst in der Zeit der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert setzte sich allmählich die uns bis heute vertraute Vorstellung von einem linearen und kontinuierlichen Zeitablauf von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinein durch, und zugleich war diese Vorstellung einer linearen Zeit mit der Idee einer kontinuierlichen und als naturgegeben geltenden Entwicklung zum immer Besseren verbunden: der Idee des Fortschritts, die bis heute unser Denken über Zukunft maßgeblich bestimmt und beeinflusst. Ob wir nun von 'Modernisierung‘ (Max Weber), vom 'Prozess der Zivilisation‘ (Norbert Elias), von 'Entwicklung‘ oder von 'Fortschritt‘ sprechen, immer geht dies mit der Vorstellung eines linearen Prozesses der allmählichen Verbesserung unserer Lebensbedingungen und mit der Erwartung einher, dass die Zukunft schöner und lebenswerter sein wird als die Vergangenheit und die Gegenwart und dass unsere Kinder es einmal besser haben werden, als wir es hatten. Spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, verstärkt in dessen zweiter Hälfte und bis heute andauernd, verbinden wir diese Erwartung vor allem mit technologischer Innovation. Dampfmaschine und Eisenbahnen, Telefon, Autos, Flugzeuge und immer wieder die Eroberung des Weltraums, zuletzt vor allem Computer, Smartphones und Künstliche Intelligenz: Es sind primär technische Neuerungen, die ja in der Tat auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen, von denen eine erhebliche symbolische Strahlkraft im Hinblick darauf ausgeht, wie wir uns 'Zukunft‘ vorstellen und welche Veränderungen wir uns von einer solchen Zukunft erwarten.
Es waren primär zwei Themen, die dieses westliche Fortschrittsmodell seit den 1970er Jahren nachhaltig in Frage gestellt haben. Zum einen der Widerstand der damals so genannten 'Dritten Welt‘, d.h. der weniger 'entwickelten‘ Länder insbesondere des globalen Südens, gegen die Vorgaben des globalen Nordens, wonach diese Länder und ihre Regierungen sich in politischer, gesellschaftlicher, kultureller und vor allem ökonomischer Hinsicht an dem vom Westen definierten Modell von 'Entwicklung‘ zu orientieren hatten; und zum zweiten die sich seit den 1970er Jahren immer stärker ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit drängende Einsicht in die ökologischen und natürlichen „Grenzen des Wachstums“, wie es in dem bekannten Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1973 hieß. Heute wissen wir, dass das bisherige westliche Konzept von Fortschritt und Entwicklung und die weltweite Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, wie wir sie seit 1990 erlebt haben, zwar auf der einen Seite zu einer globalen Zunahme an Wohlstand geführt haben, zugleich aber auch mit einem unvorstellbarem Maß an Ausbeutung von Menschen insbesondere im globalen Süden und mit einem ebenso unvorstellbaren Ausmaß an Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen einhergehen. Zwar zeigt ein Blick in aktuelle Werbespots für was auch immer oder in zahlreiche populärwissenschaftliche Sachbücher schnell, dass die oben angesprochene Verbindung zwischen Zukunft und Technologie in unserem Denken und Sprechen nach wie vor sehr präsent ist, und dennoch oder vielleicht gerade deshalb gilt: Wer heute ernsthaft über Zukunft nachdenkt, kann die oben angedeuteten Widersprüche zwischen dem bisherigen Modell von linearem und unbegrenztem Wachstum auf der einen Seite und den mit diesem Modell einhergehenden Kosten in Form von Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen nicht ignorieren. Wie also kann Zukunft angesichts dieser Widersprüche und der mit ihnen einhergehenden Herausforderungen überhaupt noch gedacht werden?
„Zukunftsforschung“
Oben war bereits davon die Rede, dass Zukunft schon länger auch zum Gegenstand von Wissenschaft und Forschung geworden ist. Allerdings ging es dabei bisher nur um kulturgeschichtliche Forschung, die sich mit den Vorstellungen beschäftigt, die Menschen sich in der Vergangenheit von ihrer jeweiligen Zukunft gemacht haben. Schon seit vielen Jahren aber kennen wir auch eine eigene Forschungsrichtung, die die Zukunft selbst zu ihrem Gegenstand macht und damit natürlich auch eine gewisse exklusive Zuständigkeit dafür beansprucht: die so genannte Zukunftsforschung. Es soll und kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden, inwieweit dieser Anspruch zu Recht besteht, ob es sich bei der Zukunftsforschung also tatsächlich um eine seriöse wissenschaftliche Disziplin handelt und wie es um deren Wissenschaftlichkeit generell bestellt ist; wer dazu mehr wissen will, sei für den deutschen Sprachraum auf die historische Darstellung von Elke Seefried (vgl. Seefried 2015) und für den kritischen Blick aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auf Holger Rust (vgl. Rust 2009) verwiesen. An dieser Stelle soll es nur um zwei Neuerscheinungen gehen, deren Autor*innen sich selbst der Zukunftsforschung zuordnen: das 2023 bei dtv erschienene Buch Zukunft. Eine Bedienungsanleitung von Florence Gaub und das 2024 bei Goldmann herausgekommene Buch Der Zauber der Zukunft. Wie wir die Welt verändern des schon länger als deutscher Vertreter der Zukunftsforschung bekannten Autors Matthias Horx.
Florence Gaub, Autorin des zuerst zu besprechenden Buches, hat an der LMU in München Politikwissenschaften studiert und in diesem Fach an der Humboldt-Universität in Berlin auch promoviert. Derzeit ist sie als Head of the research division beim NATO Defense College in Rom tätig. Ihr Buch zum Thema Zukunft ist im September 2023 beim Deutschen Taschenbuchverlag in München erschienen und derzeit bereits in der 2. Auflage auf dem Markt. Die Büchergilde hat das Buch in Lizenz in ihr Programm aufgenommen, Übersetzungen in andere Sprachen sind geplant oder bereits erschienen. Es handelt sich also um ein durchaus erfolgreiches Buch, das vom Verlag auch als Beststeller angepriesen und vermarktet wird.
Der im Titel erhobene Anspruch, eine „Bedienungsanleitung“ für den Umgang mit der Zukunft sein zu wollen, löst vielleicht bei manchen gewisse Irritationen aus und führt zu Fragen: Soll man sich denn die Zukunft wie ein technisches Gerät vorstellen, das eigentlich auf Knopfdruck funktionieren sollte, das aber auch sachgemäß behandelt werden will und für das wir deswegen eine Bedienungsanleitung benötigen? Ist das nur ein kleiner Trick, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken, bei dem man sich aber schon fragt, wie sinnvoll das ist, denn wer liest schon Bedienungsanleitungen? Deutet sich hier also vielleicht ein gewisser Mangel an Seriosität im Umgang mit diesem doch eigentlich ernsthaften Thema an? Wie dem auch sei, jedenfalls findet sich die Idee von der Bedienungsanleitung im Aufbau des Buches wieder, denn in der Einleitung erhalten wir zunächst einige Hinweise, die „vor der Erstbenutzung“ zu beachten sind, und auch die Überschriften der weiteren Kapitel greifen auf die üblichen Abschnitte der Textsorte Bedienungsanleitung zurück: „Technische Daten“, „Bedienelemente und Geräteteile“, „Inbetriebnahme“, „Sicherheits- und Warnhinweise“, „Störungsbehebung“ sowie „Garantie auf Zukunft“. Nach der aufmerksamen Lektüre aller Teilkapitel sollten wir also in der Lage sein, mit der Zukunft so sachgemäß umzugehen, wie wir das ja von all den technischen Geräten in unserer Umgebung kennen.
In der Einleitung werden wir darüber belehrt, dass viele der üblichen Vorstellungen von der Zukunft falsch seien und dass es sich bei der Zukunft um einen „Möglichkeitsraum“ handele, den es angesichts eines um sich greifenden Pessimismus und einer gewissen Vorherrschaft der Vergangenheit in unserem Denken und Handeln „wieder aufzumachen“ gelte (23). Dies geschieht dann in den folgenden Kapiteln, in denen ein breites Spektrum an Zugängen zum Thema Zukunft eröffnet wird. Da geht es um historische, neurophysiologische, sozialwissenschaftliche, philosophische, literarische Aspekte von Zukunft und von Zeit generell, und dazwischen werden auch immer wieder lebenspraktische Hinweise eingestreut, die darüber Auskunft geben sollen, wie „zukunftsvergesslich“ (50) wir sind oder wie wir am besten mit einer „negativen Zukunft“ (177) umgehen sollen. Es geht also, so kann man es kurz zusammenfassen, auch um eine Art Beratung zu einem produktiven Umgang mit der Zukunft und darum, so das Fazit am Ende, dass wir uns der grundsätzlichen Zukunftsfähigkeit bewusst werden, die uns Menschen auszeichne, auf die man sich wieder besinnen müsse und die es zu pflegen gelte:
„Wer darin besonders gut werden möchte, sollte vor allem seinen Geist schärfen, nie aufgeben, gerne nachdenken, Fehler tolerieren, einen gewissen Sinn für das Leben haben, verschiedene Erfahrungen sammeln, viel lesen, Energie haben, sich selbst als ein kreatives Wesen begreifen, Risiken eingehen, und nicht zuletzt: Wir sollten Veränderungen als normalen Teil des Lebens begreifen“ (190).
Spätestens hier also wird deutlich, dass es sich bei Gaubs Buch um eine Art Lebensberatungs- oder Selbstoptimierungsliteratur handelt und es darin nicht wirklich um die Zukunft geht, sondern eher darum, wie wir angesichts der vielen Krisen und Herausforderungen unserer Gegenwart gleichwohl noch mit Optimismus und Zuversicht unser Leben gestalten können, ohne ernsthaft irgendetwas ändern zu müssen. Für solche Ratgeberliteratur gibt es offensichtlich eine Nachfrage und einen Markt, den die Autorin auch recht erfolgreich bedient. Wer sich aber mehr erhofft hat, wer zum Beispiel von einem Buch einer Zukunftsforscherin auch fundierte Analysen etwa zu den genannten Krisen und Herausforderungen erwartet, wird enttäuscht.
Zudem geht das Gliederungsprinzip der Bedienungsanleitung leider auf Kosten einer nachvollziehbaren inneren Logik, der die Abfolge der einzelnen Kapitel und Abschnitte des Buches folgen würde. Es besteht im Wesentlichen aus einer Ansammlung von Behauptungen, die selten in nachvollziehbarer Weise belegt oder begründet werden; Zitate, auch sehr bekannte, werden nicht selten falsch und sinnentstellend zitiert, etwa die berühmte 11. These der Thesen über Feuerbach von Karl Marx, die bei Gaub lautet wie folgt: „Die Philosophen haben die Welt nur interpretiert … Die Hauptsache aber ist, sie zu verändern“ (147). Richtig müsste es statt dessen heißen: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (Marx 2013: 4; Hervorhebungen im Original). Die Auslassungspunkte in der Mitte des 'Zitats‘ bei Gaub ergeben, wie man sieht, keinerlei Sinn, sie sollen wohl gerade einen seriösen Umgang mit ihren Quellen signalisieren, was aber durch das falsche Zitat sofort widerlegt wird.
Auch ansonsten lässt der Umgang mit Quellen, den man an vielen Stellen des Buches findet, im Hinblick auf wissenschaftliche Standards sehr zu wünschen übrig. So fällt zunächst auf, dass häufig Studien zitiert werden, die sich irgendwo im Internet finden lassen, dass aber die Frage des Zustandekommens und der Seriosität solcher Studien kaum angesprochen wird. So geht es beispielsweise um Umfragen aus China, Saudi-Arabien oder Russland, die belegen sollen, dass man in diesen Ländern weitaus optimistischer in die Zukunft blicke als in Deutschland oder Europa, was dann damit erklärt wird, dass „beide Regierungen [nämlich die Chinas und Saudi-Arabiens] die ferne Zukunft zu positiven Eckpfeilern ihrer Politik gemacht haben“ (19). In Russland sei zudem der Optimismus „seit dem Einmarsch in die Ukraine von 40 Prozent auf 52 Prozent gestiegen“ und zugleich „der Anteil von traurig-depressiven Menschen von 41 auf 27 Prozent gesunken“ (21). Die Frage, ob es sich bei dieser an sich schon irritierenden These vielleicht eher um russische Propaganda als um Wissenschaft handeln könnte, wird aber nicht gestellt, auch ist keinerlei Ansatz erkennbar, die wissenschaftlichen Methoden zu reflektieren, die zu solchen Ergebnissen führen. Etwa das in der empirischen Sozialforschung seit langem diskutierte Problem der sozialen Erwünschtheit insbesondere in einem nicht unbedingt von Offenheit geprägten politischen Meinungsklima wie in China, Saudi-Arabien oder Russland wird an keiner Stelle ernsthaft diskutiert, auch dort nicht, wo es sich eigentlich aufdrängen sollte. Die an sich schon erstaunliche Behauptung, dass wir es in den genannten Ländern im Vergleich mit Deutschland mit höheren „Optimismusraten“ (19 und öfter) zu tun haben und dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die russische Bevölkerung optimistischer gestimmt habe, ist insofern wohl vor allem ein Beleg für fehlendes Problembewusstsein und einen bedauerlichen Mangel an wissenschaftlicher Seriosität als für irgendetwas sonst.
All denen, die sich prinzipiell für das Thema interessieren und darüber nachdenken, das vorliegende „Bedienungsanleitung“ zu kaufen und zu lesen, die aber vielleicht schon angesichts dieser Bezeichnung im Untertitel gewisse Zweifel hegen, sei daher gesagt: Hören Sie auf Ihren ersten Impuls und lesen Sie Bedienungsanleitungen erst dann, wenn es gar nicht anders geht. Und so schlimm, dass uns nur noch Bedienungsanleitungen in der Art von Gaubs Buch helfen können, sollte es dann hoffentlich doch nicht kommen.
Das zweite hier zu diskutierende Buch mit dem Titel Der Zauber der Zukunft. Wie wir die Welt verändern stammt von dem schon länger als 'Zukunftsforscher‘ bekannten Autor Matthias Horx und ist mit 400 Seiten deutlich umfangreicher als die Gaubsche „Bedienungsanleitung“. Es ist im September 2024 im Münchner Goldmann-Verlag erschienen und wird im Klappentext als „Must-Read für alle Zukunftsoptimisten“ angepriesen.
Worum also geht es in diesem Buch? Zunächst einmal geht es vor allem um den Autor selbst und sein Leben als so genannter 'Boomer‘, der 1955 in Düsseldorf geboren wurde und über dessen Lebensstationen in den frühen Jahren, die mehr oder weniger alternativen Wohngemeinschaften, in denen er diese Jahre zugebracht hat, und seinen Weg vom 70er-Jahre-Sponti in den Lifestyle-Journalismus und später in die Trend- und Zukunftsforschung wir manches erfahren. Immer wieder garniert der Autor dies mit Ausflügen in die Welt der Science-Fiction-Romane und -Filme, für die er offenbar eine gewisse Obsession entwickelt hat und die seinen Blick auf die Zukunft bis heute nicht unwesentlich prägen. Und wie bei anderen autobiographischen Texten lässt sich auch hier eine gewisse Neigung zur Selbststilisierung und Selbstidealisierung nicht übersehen, denn egal, wohin sich die Welt in den vergangenen 50 Jahren entwickelt hat und welche Trends jeweils gerade angesagt waren, Matthias Horx war immer ganz vorne mit dabei und er ist es, wenn man seinen Ausführungen folgt, bis heute. Das kann man nun interessant oder einfach ein bisschen nervig finden, seinem Renommee als seriöser Autor oder gar Wissenschaftler ist es wohl weniger dienlich, zumal sein Buch insgesamt zur Klärung der Frage, was es nun mit der Zukunft auf sich hat, außer Plattitüden und Banalitäten erstaunlich wenig zu bieten hat. Die Zukunft, so heißt es beispielsweise am Anfang, „kommt nicht auf uns zu. Die Zukunft beginnt, wenn wir uns selbst verwandeln“ (12). Um Veränderung also geht es oder es geht, wie wir dann später immer lesen, darum, unser „Future Mind“ zu entwickeln (79), denn: „Die Tür in die Zukunft geht nach innen auf“ (269). Und nachdem wir über 11 Kapitel hinweg mit immer wieder neuen, als irgendwie originell daherkommenden Konzepten oder Begriffen wie „Regnose“ (275), „Schwurbeleffekt“ (287), „Hysterese“ (289), „Moloch-Falle“ (295) oder „Protopie“ (319-322) konfrontiert worden sind, ohne dass sich daraus ein in sich halbwegs konsistenter Zugang zum Thema ergeben würde, rafft Horx sich schließlich im 12. und letzten Kapitel dazu auf, uns mit dem „humanistischen Futurismus“ doch noch so etwas wie eine theoretische Basis zum weiteren Verständnis der Zukunft mit auf den Weg zu geben. Der humanistische Futurismus, so heißt es jetzt, sei so etwas wie eine neue Aufklärung, die an die Tradition des 18. Jahrhunderts anknüpfe und der es u.a. darum gehe, dass Zukunft sich „entlang der Gesetze der Evolution“ entwickele, dass die Welt in Systemen funktioniere oder dass es dringend einer „Zukunftsspiritualität“ bedürfe (369-371). Es wäre im Sinne der Aufklärung, auf die Horx sich hier ja explizit bezieht, allerdings sehr zu wünschen, wenn wir solchen aufgeblasenen Sätzen gegenüber den von Kant beschworenen Mut aufbringen würden, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen und den Autor zu fragen, auf welche Argumente und welche wissenschaftlich belegten Fakten sich sein Gerede von einer „neuen Aufklärung“ und seine biologistisch-technizistischen Ideologien nun eigentlich genau stützen und was all das, was er uns hier vorsetzt, mit Aufklärung zu tun haben soll. Am Ende läuft der ganze hochtrabend daherkommende „humanistische Futurismus“ nämlich auf eine Sammlung von „Sponti-Parolen“ hinaus, hinter denen sich genau genommen nur weitere banale Kalendersprüche verbergen, wie etwa dieser:
„Zukunft ist eine Dimension des Lebens, eine Kraft, die uns bewegt und verändert, wenn wir fürsorglich mit ihr umgehen. Ein Spiegel, in dem wir unsere Rolle in einem fantastischen Universum erkennen können“ (373).
Wer hätte das gedacht? Ähnlich also wie die Bedienungsanleitung von Florence Gaub stellt auch das Buch unseres Zukunfts-Gurus Matthias Horx für jeden und jede, der/die auf der Suche ist nach seriösen und weiterführenden Antworten auf die Frage nach der Zukunft, schwer verdauliche Kost dar, die sich aus einer ganzen Menge Selbstdarstellung, einigem an unzusammenhängenden Theoriekonzepten und ansonsten eigentlich nur einer Fülle an Banalitäten zusammensetzt. Ernsthafte Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema, wissenschaftlicher oder doch zumindest theoretisch-konzeptioneller Anspruch gehören leider nicht dazu.
Zukunft in Zeiten des Klimawandels
Warum ist uns die Frage nach der Zukunft überhaupt so wichtig? Und warum gerade jetzt? Das hat wahrscheinlich, davon war ja eingangs schon die Rede, vor allem damit zu tun, dass uns Sicherheiten, wie wir sie vor vielleicht zehn oder zwanzig Jahren noch zu haben glaubten, abhanden gekommen sind, damit, dass wir heute nicht mehr wissen, ob die Welt, wie wir sie kennen, in nochmal zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch existiert und ob das Leben, wie wir es heute führen, uns auch ohne größere Katastrophen und Apokalypsen ziemlich direkt in den Abgrund führt, weil wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen unwiederbringlich zerstört haben werden.
Für viele und insbesondere junge Menschen ist der Gedanke an die Zukunft heute mit einer mehr oder weniger diffusen Angst verbunden, die sich durch bloße Beschwörungen von Optimismus und Zuversicht, wie wir sie bei Gaub, Horx und anderen finden, nicht so einfach wird beruhigen und abspeisen lassen, und dies aus einem ebenso einfachen wie schwer widerlegbaren Grund, weil diese Angst nämlich sehr reale Ursachen hat. Es sei hier nur noch einmal an die multiplen Krisenphänomene erinnert, von denen eingangs kurz die Rede war und die auch in unserem alltäglichen Leben mit dem Gefühl der Unsicherheit und permanenten Gefährdung verbunden sind: Kriegerische Auseinandersetzungen, soziale, ökonomische und ethnische Konflikte überall auf der Welt, und natürlich der Klimawandel und andere ökologische Katastrophen. Was bedeuten diese Konflikte, diese Krisen und Katastrophen für uns und für die Bewältigung unseres Alltags? Und wie geht die Politik und wie gehen demokratisch gewählte Regierungen damit um? Sind sie in der Lage, mit den ihnen verfügbaren Mitteln Antworten auf die aktuellen Herausforderungen zu geben und Lösungen umzusetzen? Oder werden sich demokratische Systeme hier auf die Dauer als unfähig erweisen und, wie es sich gerade in den USA darstellt, durch autokratische Systeme ersetzt werden? Was also hat die Politik insbesondere in Deutschland in den letzten Jahren geleistet und was könnte oder müsste geschehen, um das Land zukunftsfähig zu machen? Mit diesen Fragen setzen sich die im Folgenden zu diskutierenden Bücher der Politikökonomin und Publizistin Maja Göpel, der Journalistin Petra Pinzler und des Soziologen Jens Beckert auseinander, die den Umgang der Politik in Deutschland mit dem Klimawandel und dem sich absehbar zuspitzenden Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie zum Thema haben und denen der skeptische, aber letztlich immer auch zuversichtliche Blick auf eine gefährdete Zukunft gemeinsam ist.
Beginnen wir mit Maja Göpel, die zu Beginn des Jahres 2025 in der Reihe „Auf dem Punkte“ des Wiener Brandstätter Verlags ein Buch mit dem Titel Werte. Ein Kompass für die Zukunft herausgebracht hat, in dem sie sich, wie der Titel schon verrät, mit aus ihrer Sicht für die Gestaltung der Zukunft wichtigen gesellschaftlichen Wertorientierungen, vor allem aber mit neuen Perspektiven und neuen Denkweisen auseinandersetzt. Maja Göpel ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Honorarprofessorin an der Universität Lüneburg, sie war bis 2024 Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und engagiert sich als Mitglied zahlreicher Verbände und Initiativen im Zwischenbereich zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Als Autorin bekannt wurde sie vor allem durch ihr Buch Unsere Welt neu denken. Eine Einladung, das 2020 im Berliner Ullstein-Verlag erschienen ist und mittlerweile schon in der 19. Auflage vorliegt. Darin zeigt sie, dass viele der Begriffe, Denkmuster und -gewohnheiten, mit denen wir seit dem 19. und 20. Jahrhundert die moderne Welt beschreiben und die in ihr auftretenden Probleme und Konflikte zu lösen versuchen, zu den Gegebenheiten einer sich dramatisch verändernden Welt mit ihren ganz anderen Krisen und Herausforderungen nicht mehr passen und dass wir die Welt daher dringend neu denken müssen. Das betrifft unsere Auffassung von der Natur und der Rolle des Menschen darin, es betrifft unsere Vorstellungen von Wohlstand, Wachstum, Fortschritt und sozialer Gerechtigkeit und es betrifft nicht zuletzt die Frage, wie wir unsere Lebens- und Wirtschaftsweise so nachhaltig umgestalten können, dass die Welt auch künftigen Generationen noch ein angenehmes Leben ermöglicht.
Während dieses immer noch sehr aktuelle Buch mit seiner klaren Gliederung und seinem auch für Laien jederzeit gut verständlichen, wenn auch vielleicht gelegentlich etwas zu locker-flockigen Schreibstil gut lesbar ist, macht es uns die Autorin mit ihrem neuen Buch trotz der farbenfrohen Aufmachung doch deutlich schwerer, ihr zu folgen. Das beginnt schon damit, dass sie die Erwartungen, die mit dem Titel geweckt werden, tatsächlich gar nicht einlöst. Um Werte also soll es gehen? Was genau versteht sie aber unter 'Werten', und welche Werte sind gemeint? Und inwiefern können Werte uns, wie der Untertitel meint, als „Kompass für die Zukunft“ dienen? Klingt das nicht ein bisschen nach Gaubs „Bedienungsanleitung“ und erweckt den Eindruck, Zukunft sei nur eine Frage der richtigen Technik, in diesem Fall also des passenden Kompasses? Auf all diese Fragen bleibt die Autorin uns die Antwort schuldig, denn auf eine einleitende Erläuterung ihres Titels verzichtet sie ebenso wie auf die Offenlegung der Problemstellung, auf die ihr Buch eine Antwort geben möchte. Stattdessen kann man dem ersten Kapitel immerhin entnehmen, dass Göpel uns zu „mutigem Einchecken“ ermuntern möchte, d.h. dazu, uns von schlechter Stimmung und Katastrophenangst nicht entmutigen zu lassen, sondern die für die Bewältigung der Zukunft nötigen Veränderungen bei den äußeren Umständen, aber auch bei uns selbst mit Mut und Zuversicht anzugehen.
Auch im zweiten Kapitel sucht man eine klare Linie leider vergeblich, auch wenn die Überschrift „Fortschrittlicher Wohlstand“ immerhin so viel verrät, dass es um eine kritische Auseinandersetzung mit der in den Mainstream-Diskursen üblichen Auffassung von 'Wohlstand' als rein ökonomischer Kategorie unter Vernachlässigung sozialer und ökologischer Aspekte geht. Hier werden dann einige in der breiteren Öffentlichkeit weniger bekannte Konzepte, Ideen und Initiativen wie die offizielle Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen (56-59), das schon während der Regierungszeit von Angela Merkel ins Leben gerufene Projekt „Gut leben in Deutschland“ (59-60) oder der „Better Life Index“ der OECD als Beispiele für ein anderes Wohlstandsverständnis herangezogen. Dabei bleibt auch der Begriff des 'Kapitals' nicht mehr ausschließlich auf ökonomisches Kapital eingeengt, sondern wird auf Human-, Sozial- und Naturkapital erweitert, ohne dass allerdings in hinreichend verständlicher Weise erläutert würde, was genau man sich unter diesen nicht-ökonomischen Kapitalformen vorzustellen hat, wie diese sich zueinander und zum ökonomischen Kapital verhalten und was das alles mit einem fortschrittlichen Verständnis von Wohlstand zu tun hat. Statt dessen ist in diesem Kapitel häufig von 'Design' die Rede, was dann wohl auf das dritte Kapitel vorausdeuten soll, in dem es um „Stilvolles Regulieren“ geht. Das hat zwar genau genommen auch nicht viel mit Stilfragen oder Design zu tun, vielmehr wird an den diskutierten Beispielen gerade im Gegenteil deutlich, dass es sich bei der zuletzt sehr populär gewordenen Forderung nach 'Bürokratieabbau' gerade nicht um Stilfragen, sondern tatsächlich häufig um das Unterlaufen sozialer und ökologischer Standards handelt, und dass staatliches Regulieren gerade in Zeiten der Krise wichtiger ist denn je. Dass dies jeweils in der Sache legitimiert sein und mit vertrauensbildenden Instanzen und Maßnahmen einhergehen muss, wie Göpel mehrfach betont, sei zugestanden, ob dafür dann aber einfach nur stilvolles Regulieren ausreicht, darf dann doch bezweifelt werden.
Das vierte Kapitel mit der wieder etwas kryptischen Überschrift „Wertvolles Bilanzieren“ zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus vielen verschiedenen Bereichen, dass die Bilanzen, anhand derer wir ja gerne ökonomische Erfolge belegen und sichtbar machen wollen, allzu häufig insofern gefälscht sind, als sie ausschließlich auf ökonomischen, d.h. meist finanziellen Werten beruhen, dabei aber andere, etwa soziale oder ökologische Aspekte oder gar Schäden komplett vernachlässigen. Bestes Beispiel ist das oft als Maßstab für Wachstum und Wohlstand herangezogene Bruttoinlandsprodukt, in das zum Beispiel auch die durch Unwetter entstandenen Schäden eingehen, weil sich der darauf meist folgende Wiederaufbau ja in Form von bezahlten Dienstleistungen in den Bilanzen abbilden lässt. Dagegen geht unbezahlte Care-Arbeit, also etwa die Pflege von Familienangehörigen, nicht in die Bilanzen des BIP ein, obwohl sie doch unbestritten einen hohen sozialen Wert darstellt. Und so geht es mit vielen Beispielen etwa auch von Kosten-Nutzen-Berechnungen weiter, die alle eines belegen sollen: dass wir nämlich bei wichtigen wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen seit vielen Jahren und bis heute oft von zumindest einseitigen, weil rein ökonomischen Grundlagen ausgehen und so etwas wie soziale, kulturelle oder ökologische Wertschöpfung völlig vernachlässigen. Was wir für eine bessere Zukunft brauchen, so Göpel am Ende des Kapitels, seien „andere Regeln und Bilanzierungsstandards als heute“ (170), solche nämlich, bei denen die bislang meist „externalisierten“, d.h. unsichtbar gemachten Kosten für negative Entwicklungen wie Klimaschäden, Luft- oder Wasserverschmutzung, Ressourcenverschwendung oder ungesunde Ernährung (vgl. 169) in den Bilanzen eingepreist werden und diese somit ein realistischeres, weniger schöngefärbtes Bild von Wohlstand und Wachstum ergeben.
Das abschließende Kapitel zum Thema „Lebenswerter Anstand“ führt dann die zuvor ausgelegten, aber beim Lesen immer wieder durcheinander und aus dem Blick geratenen Fäden ein wenig zusammen, so dass man am Ende zwar nicht weiß, was genau mit „lebenswertem Anstand“ gemeint ist und was das alles mit Werten zu tun hat, dem ganzen aber doch immerhin so etwas wie eine Botschaft entnehmen kann, die genau besehen aus mehreren und auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten Teilbotschaften besteht. Zum einen nämlich scheint für die Autorin völlig klar, wohin die Dinge sich bewegen müssen, wenn unsere bisherige Lebensform noch eine Zukunft haben soll, dass es nämlich tiefgreifender Veränderungen und Erneuerungen in verschiedenen Bereichen bedarf, bei den staatlichen Regulierungen, in unseren (ökonomischen) Bilanzen, beim gesellschaftlichen Umgang und nicht zuletzt natürlich in der Politik. Auch wenn das alles vielleicht nicht immer so konkret ist, wie es wünschenswert wäre, erstaunlich und bemerkenswert ist doch etwas anderes: dass die Autorin, und das ist der zweite Teil ihrer Botschaft, offenbar keinerlei Zweifel hat, dass wir hier auf einem guten Weg sind, dass der gesellschaftliche und politische Wille, die erforderlichen Erneuerungen auch umzusetzen, tatsächlich vorhanden ist und sich durchsetzen wird, auch wenn sie die Kräfte und Tendenzen, die dem derzeit entgegenstehen, keineswegs ignoriert, im Gegenteil. Aber ihre Botschaft hat eben noch diese dritte Dimension, uns nämlich zu ermutigen, die „Deutungshoheit“ über „wünschenswerte Zukünfte“ nicht „den Lautesten und Egoistischsten zu überlassen“ und sich nicht davon abschrecken zu lassen, wenn „noch nicht alle Lösungen perfekt“ (203) sind. „Selbst wenn die Landkarte Lücken aufweist“, so heißt es zum Abschluss, „können wir einen Kompass benutzen und loslaufen. Und mit jedem Schritt in eine neue Richtung verändert sich der Blick auf das Mögliche“ (ebd.).
Auch hier also steht am Ende der Appell an uns alle, positiv zu bleiben, sich einzubringen und an eine gute Zukunft zu glauben, aber anders als bei unseren beiden 'Zukunftsforschern‘ zuvor wirkt dieser Appell jetzt immerhin einigermaßen authentisch und glaubwürdig und nicht wie eine einstudierte Geste, vielleicht gerade weil er im Wissen um den globalen Einfluss destruktiver Kräfte und um die Gefahr formuliert wird, dass alles auch ganz anders kommen kann.
Also schauen wir vielleicht doch etwas genauer hin: Wie steht es um die Chancen, dass die vielen Ideen für nachhaltige Bewältigung der aktuellen Krisen, insbesondere mit Blick auf den Klimawandel und andere ökologische Katastrophen, zum Erfolg führen und uns, wie es bei Göpel hieß, mit einem „Kompass für die Zukunft“ versorgen? Und wieviel konkrete Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft vermitteln uns die politischen Präferenzen, Vorgaben und Entscheidungen, die sich beispielsweise in der deutschen Politik der letzten Jahre beobachten lassen? Damit setzt sich die Journalistin Petra Pinzler in ihrem Buch zum Thema auseinander, das im September 2024 im Frankfurter Campus-Verlag erschienen ist und im Titel eine bekannte ironische Wendung über die moderne Kunst auf die Zukunftsfrage ummünzt: Hat das Zukunft oder kann das weg? Der Fortschrittskompass. Pinzler ist im Berliner Hauptstadtbüro der Wochenzeitung Die Zeit tätig und veröffentlicht hier regelmäßig Artikel zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Die insgesamt 20 Kapitel ihres Buches folgen in Aufbau und Sprache gutem journalistischem Stil, sind ansprechend gestaltet, bemühen sich um gute Lesbarkeit und sind in einer jederzeit gut nachvollziehbaren Logik angeordnet. Insgesamt ist die Argumentation zwar einerseits stark an tagespolitischen Fragen orientiert, die sich vor allem auf die Politik der mittlerweile ja abgewählten Ampel-Regierung in Deutschland beziehen, die andererseits aber über diese Bezüge hinaus auch grundsätzliche und weiterreichende Aspekte einer produktiven Gestaltung der Zukunft durch die Politik betreffen. So lässt die Autorin von Anfang an keinen Zweifel daran, dass 'Zukunft‘ für sie vor allem 'Fortschritt‘ bedeutet, ablesbar schon daran, dass sie wie Göpel das technische Bild vom Kompass verwendet, es aber nicht auf die Zukunft, sondern auf den Fortschritt bezieht. Allerdings könne 'Fortschritt', so meint Pinzler, nicht einfach mit 'Wachstum' im rein ökonomischen Sinn einer ständigen Zunahme des Bruttoinlandsprodukts gleichgesetzt werden, vielmehr müsse ein zeitgemäßes Verständnis von 'Fortschritt' die Endlichkeit der verfügbaren Ressourcen des Planeten Erde systematisch einbeziehen (vgl. Kapitel 4). Wer so denkt, dem stellt sich natürlich irgendwann die moderne Gretchen-Frage: Wie hältst du’s mit dem Kapitalismus, und hier kommt Pinzler zunächst zu der wenig überraschenden Diagnose, dass der Kapitalismus aufgrund seines Wachstumszwangs „die natürlichen Grundlagen und damit die Überlebensfähigkeit der Menschheit“ zerstöre (72); sie sieht aber zugleich die Hoffnung, dass er dennoch „gezähmt, gebremst und verwandelt werden“ könne und sich „durch seine eigenen Mittel noch weiter zivilisieren“ lasse (75). Die Mittel dazu seien eine effizientere Nutzung der vorhandenen Energie, eine stärkere Förderung der Kreislaufwirtschaft, die den bisherigen Raubbau bei der Rohstoffgewinnung durch Recycling ersetze, sowie die konsequente Bepreisung von Rohstoffen, Plastikmüll und CO2-Emissionen. Diese Maßnahmen wirklich „richtig eingesetzt“, so Pinzler, „könnten den Markt zum Teil der Lösung machen“ (93).
Diese optimistisch klingenden Sätze enthalten aber genau besehen noch eine andere Botschaft: Dass der Markt diese Lösung bisher offensichtlich (noch) nicht ist, und dass es noch gewisser Anstrengungen bedarf, damit das dem Kapitalismus und seinen Marktmechanismen eigene Lösungspotenzial auch tatsächlich wirksam wird. Daher diskutiert die Autorin in den weiteren Kapiteln ihres Buches die Frage, ob und in welcher Weise die beschriebenen Lösungsansätze in der Politik umgesetzt werden. Hier sind die Resultate dann schon deutlich weniger optimistisch stimmend, und der sich einstellende Eindruck einer gewissen Ratlosigkeit verstärkt sich noch in den Kapiteln 13-16, die sich mit der Zukunftsfähigkeit der wichtigen Parteien in Deutschland auseinandersetzen und in denen diesen allesamt bescheinigt wird, über zu wenig Kreativität, zu wenig Weitsicht, zu wenig Mut und insgesamt zu wenig Phantasie für eine wirklich nachhaltige und über Symbolisches hinausgehende Zukunftsgestaltung zu verfügen. Ob es allerdings hilft, wie von der Autorin vorgeschlagen, sich vom rasenden alltäglichen Politikbetrieb öfter mal zu distanzieren, mal innezuhalten, zu „chillen“ (196) und sich wieder mehr auf Utopisches, auf die Entwicklung von „Zukunftskompetenz“ (195) oder „Futures Literacy“ (203) einzulassen, sei dahingestellt.
Am Ende stehen dann bei Pinzler wie auch schon bei Gaub, Horx und Göpel die üblichen Appelle, sich nicht von den Krisen entmutigen zu lassen, sondern das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, sich einzubringen, bei welchem gemeinwohlorientierten Engagement auch immer. Wichtig sei nur, „dass wir das Land und das Gemeinwesen nicht den anderen überlassen, den Feinden der Demokratie“. Denn Aktivität und Engagement „machen die Zukunft […] zu einem Ort der Hoffnung, trotz allem“ (243).
Es kommt also auf uns alle an und darauf, sich von den Krisen und Katastrophen nicht die Stimmung vermiesen zu lassen, sondern mit Mut und Entschlossenheit nach vorne zu schauen. Ja, klar, was sonst, wird man vielleicht denken, wer will schon nur als Mahner und Warner durch die Gegend laufen, damit wird die Sache ja erfahrungsgemäß auch nicht besser. Und es gibt sie ja wirklich, die vielen Initiativen, Projekte und Lebensmodelle, die zeigen, dass es auch anders geht und dass ein nachhaltiges Leben und Wirtschaften jenseits von Wachstumszwang, Ausbeutung und Ressourcenvernichtung möglich ist und das in diesem Sinn wahrscheinlich in weitaus höherem Maß zukunftsfähig ist als alles, was uns sonst gerne als Ideen und Technologien für eine vermeintlich bessere Zukunft angeboten wird. Bei Göpel und Pinzler werden einige Beispiele für solche Projekte und Initiativen erwähnt, und viele weitere wären sicherlich auch noch erwähnenswert. Gibt es das also doch, was Theodor W. Adorno schon in den 1950er Jahren so vehement geleugnet hat: das richtige Leben im falschen?
Über den berühmten Satz von Adorno, der sich in seiner frühen Aphorismensammlung Minima Moralia findet und der ja darauf hinausläuft, dass rein private 'Lösungen' eben keine Lösungen sind, sondern auf Ignoranz und Verleugnung der äußeren, der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Bedingungen hinauslaufen, wird seit Jahrzehnten diskutiert, und man wird sicher auch hier nicht zu einer für alle zufriedenstellenden Antwort auf die damit einhergehenden Fragen kommen. Aber immerhin lässt sich von hier aus doch das Unbehagen verstehen, das sich bei dem in unseren Zukunftsbüchern wie anderswo so omnipräsenten Gerede über die angeblich so pessimistischen Deutschen und über die halbleeren oder halbvollen Gläser doch immer wieder einstellt. Ist das nicht alles vielleicht doch ein bisschen zu einfach? Sollen wir ernsthaft annehmen, wenn wir nur alle positiv gestimmt sind und an das Gute im Menschen glauben, dann wird das schon, dann lösen wir auch scheinbar unlösbare Probleme wie den Klimawandel oder das Artensterben? Und wer ist überhaupt dieses 'Wir', von dem in den bisher diskutierten Büchern ständig die Rede ist? Gibt’s das überhaupt? Und wird damit nicht der Eindruck erweckt, als säßen alle im selben Boot, wo doch eigentlich klar sein sollte, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gerade massiv von Spaltungstendenzen und der wachsenden Diskrepanz zwischen oben und unten und zwischen arm und reich bedroht ist? Ist es da nicht vielleicht doch angebracht, ein wenig genauer hinzuschauen, wie es um das größere Ganze bestellt ist und ob es sich nicht vielleicht doch um einen unlösbaren Konflikt zwischen dem 'richtigen' und dem 'falschen Leben' handelt?
Eine Möglichkeit zu einem solchen genaueren Hinschauen bietet, was das Thema 'Zukunft' und deren Bedrohung durch den Klimawandel angeht, das Buch Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht von Jens Beckert, das 2024 als Hardcover im Suhrkamp-Verlag erschienen und im März 2026 auch als Taschenbuch herausgekommen ist. Jens Beckert ist promovierter und habilitierter Soziologe und arbeitet seit 2005 als Direktor am Max Planck-Institut für Gesellschaftsforschung und als Professor für Soziologie an der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wirtschaftssoziologie und soziologische Theorie, und nicht zuletzt beschäftigt er sich seit längerem auch mit den Dynamiken des modernen Kapitalismus, zu denen für ihn auch die medial verbreiteten und als glaubwürdig geltenden Narrative über die Zukunft gehören. In seinem 2016 zunächst auf Englisch und 2018 auch in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Imagined Futures. Fictional Expectations and Capitalist Dynamics (bzw. Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus) zeigt Beckert, dass wirtschaftliches Handeln in den Bereichen Geld und Kredit, Investitionen, Innovation und Konsum auf Vorstellungen und Erwartungen in Bezug auf die Zukunft beruht, die in Form von Fiktionen und Narrativen diskursiv verbreitet und ausgehandelt werden und auf deren Glaubwürdigkeit ökonomische Entscheidungen aller beteiligten Akteure maßgeblich beruhen. Es geht also, kurz gesagt, darum, „dass Imaginationen der Zukunft ein unverzichtbares Element der kapitalistischen Entwicklung sind, und dass die kapitalistische Dynamik von den Zukunftserwartungen abhängt“ (Beckert 2018: 18). Klingt logisch, denn tatsächlich werde ich mich beispielsweise als Investor oder Kreditgeber ja nur dann in einem Projekt engagieren, wenn ich die begründete Hoffnung haben kann, dass die Welt sich auch in fünf oder zehn Jahren noch dreht und in etwa so funktioniert, wie ich sie bisher kannte. Auch meine Konsumentscheidungen beruhen ja auf der Erwartung, dass ich mit dem Auto, das ich mir heute leiste, ein paar Jahre werde fahren können, dass also die dafür erforderliche Infrastruktur, also Straßen, Brücken, Tankstellen etc., auch morgen noch bestehen und nicht z.B. durch eine Naturkatastrophe oder einen Bürgerkrieg zerstört wird. Auf der Basis dieser Überlegungen ließen sich übrigens – aber das nur nebenbei – die ja der kapitalistischen Verwertungslogik immer schon nahestehende 'Zukunftsforschung' nach dem Modell von Gaub und Horx, aber ebenso auch die bei Göpel und Pinzler beschriebenen Strategien eines positiven Blicks in die Zukunft auch als Beiträge zu einem diskursiven Zukunftsnarrativ lesen, das den Glauben an die problemlösende Kraft des Kapitalismus auch in Zeiten des voranschreitenden Klimawandels unterstützen und stabilisieren will. Da haben wir es also wieder: Sind wir am Ende doch alle nur Erfüllungsgehilfen der kapitalistischen Verwertungslogik? Gibt es wirklich ein richtiges Leben im falschen?
Wie immer man dies einschätzt, es sollte bereits deutlich geworden sein, dass wir uns mit den Publikationen von Jens Beckert von vornherein auf einer etwas anderen Ebene der kritischen Reflexion und Analyse befinden, als es bisher der Fall war. Denn anders als die bisher diskutierten Autorinnen und Autoren bemüht er sich um einen distanzierteren sozialwissenschaftlichen Blick auf das Thema, der auch die angesprochene Grundsatzfrage explizit zum Thema macht, und er tut dies auf einem hohen theoretischen Reflexionsniveau, ohne dabei aber diejenigen seiner Leserinnen und Leser aus dem Blick zu verlieren, die mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Diskursen weniger vertraut sind. Mit der Grundsatzfrage ist die oben schon mal kurz angesprochene 'Gretchenfrage' nach dem Kapitalismus und dessen grundsätzlicher Vereinbarkeit mit einer nachhaltigen Lösung des Klimaproblems und anderer das Überleben nicht nur der Menschheit bedrohender ökologischer Probleme gemeint. Konkret also geht es darum, ob und ggf. inwieweit sich derart fundamentale Probleme innerhalb des Systems des modernen Kapitalismus und mit Hilfe immanent kapitalistischer Mittel lösen lassen oder ob zwischen beidem doch ein systemischer Widerspruch besteht; und es geht darum, ob das Überleben der Menschheit davon abhängt, dass es gelingt, andere, nicht-kapitalistische Lebens- und Wirtschaftsformen zu etablieren.
Was Beckert interessiert, ist also nicht so sehr die sonst meist thematisierte Frage, was sich gegen den Klimawandel tun lässt, vielmehr geht er davon aus und erläutert dies auch im 1. Kapitel, dass da bereits einiges versäumt worden ist, dass sich die in Paris 2015 beschlossene Begrenzung der globalen Erderwärmung auf maximal 1,5° nicht mehr wird erreichen lassen, mit allen bislang nicht wirklich absehbaren Folgen, und dass die dringend erforderliche „Vollbremsung“ bei den Emissionen „nicht und nirgends in Sicht ist“ (15). Warum aber ist das so? „Warum“, so lautet die Leitfrage des Buches, „sind Gesellschaften nicht in der Lage, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten?“ (11). Die Antwort, die Beckert gleich zu Beginn auch schon mal formuliert, wird lauten: Es liegt am System, genauer daran, dass die „Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne und ihre Steuerungsmechanismen […] eine Lösung des globalen Problems namens Klimawandel“ blockieren (12). Was mit den hier genannten Macht- und Anreizstrukturen und deren Steuerungsmechanismen genau gemeint ist und inwiefern diese eine Problemlösung verhindern, das ist dann Gegenstand der folgenden 8 Kapitel.
Das 2. Kapitel erläutert zunächst die grundsätzlichen Bedingungen der heutigen Gesellschaftsform, die Beckert die „kapitalistische Moderne“ nennt und die sich seit dem späten 15. Jahrhundert zunächst in Europa herausgebildet habe. Gekennzeichnet sei diese kapitalistische Moderne durch „marktbasierte und gewinnorientierte Wirtschaftsstrukturen“ (25), die „Logik der Kapitalvermehrung“ (28) und „ein historisch einmaliges System unbegrenzten Wachstums“ (ebd.). Dieses System beruhe in hohem Maß auf Ausbeutung zum einen der menschlichen Arbeitskraft und zum anderen der Natur und natürlich vorhandener Ressourcen in Form von Rohstoffen und (fossilen) Energiequellen, deren Verbrauch und insbesondere deren Zerstörung allerdings bisher nicht in ausreichendem Umfang in die ökonomischen Produktionskosten eingehen und so keinen wirtschaftlich relevanten Faktor darstellen. Spätestens hier aber zeigt sich, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise keine autonome Veranstaltung ist, sondern in vielfacher Weise in gesellschaftliche, politische, rechtliche und nicht zuletzt auch kulturelle Rahmenbedingungen eingebunden, wobei Beckert insbesondere dem Staat und der Bevölkerung und den mit ihr einhergehenden kulturellen Faktoren besondere Aufmerksamkeit schenkt. Es sei nämlich der Staat, der die Regeln definiere und der den Unternehmen erlaube, die von ihnen zu verantwortenden Umweltschäden – etwa in Form von CO2-Emissionen, aber auch anderer Schäden – zu sozialisieren, d.h. sie der Allgemeinheit zu überlassen, anstatt selbst dafür aufzukommen; so gesehen handele es sich beim Klimawandel auch um das „größte[…] Staatsversagen aller Zeiten“ (36), von dessen Gründen noch zu sprechen sein wird. Was die erwähnten kulturellen Faktoren angeht, so sieht der Autor diese in den seit der beginnenden Neuzeit üblich gewordenen Grundüberzeugungen unseres Denkens, d.h. das moderne instrumentelle Verhältnis zur Natur, die Idee des Fortschritts sowie der Individualismus und die mit ihm einhergehende moralische Legitimität rein eigennützigen Handelns. Alle diese Faktoren, so Beckert, greifen beim Thema Klimawandel ineinander und „blockieren eine angemessene Reaktion“ (45).
Wie das konkret aussieht, das ist dann Thema der folgenden Kapitel. Unter der Überschrift „Big Oil“ zeigt Beckert, welchen Einfluss die Unternehmen der fossilen Energiewirtschaft weltweit haben und wie sie diesen zugunsten ihrer eigenen Interessen nutzen, nämlich weiterhin fossile Energieträger wie insbesondere Öl und Gas fördern, verkaufen und verbrennen zu dürfen, ohne für die damit einhergehenden Folgeschäden aufkommen zu müssen. Wer jetzt aber denkt, ein solches Verhalten sei doch in höchstem Maß unmoralisch oder verantwortungslos, der wird von Jens Beckert schnell eines Besseren belehrt: Nein, so Beckert,wenn hochbezahlte Vertreter von Auto- oder Energieunternehmen ihren Einfluss auf die Politik zugunsten der Interessen ihrer Unternehmen geltend machen, dann verhalten sie sich ganz im Sinne der Eigentümer und der Investoren dieser Unternehmen, deren eigentliche Aufgabe nach der Logik des Systems ja genau darin bestehe, Gewinne zu erwirtschaften. Und so lange weltweit eine Nachfrage nach Autos mit Verbrennermotor und damit auch nach den Produkten der fossilen Energieunternehmen bestehe und so lange damit große Gewinne erzielt werden können, „setzen die einschlägigen Unternehmen alles daran, diese Gewinne zu verbuchen“ (65). Nebenbei versuchen sie auch, mit Hilfe ihrer strukturellen und instrumentellen Macht „Regulierungen zum Klimaschutz zu verhindern, zu verzögern und zu verwässern“ sowie „die Folgen ihrer Geschäftspraktiken zu vertuschen und die Verantwortlichkeit umzuleiten“ (ebd.). Moralische Appelle seien hier wenig aussichtsreich, so lange die Rahmenbedingungen so sind, wie sie sind und so lange ökologische Schäden nicht mit einem Preisschild versehen werden. Für bessere, im Sinne des Klimaschutzes veränderte Rahmenbedingungen inklusive Preisschilder für CO2-Ausstoß und andere ökologische Schäden aber seien Staaten oder überstaatliche Organisationen wie die EU und damit die Zivilgesellschaften und die Politik zuständig. Diese aber nähmen ihre Verantwortung nicht in ausreichendem Maß wahr, unter anderem, weil sie einer anderen, nämlich an kurzfristigen Zielen (Haushaltsjahre, Wahlen, Legislaturperioden) orientierten Zeitlogik verpflichtet seien, als es mit Blick auf längerfristige Prozesse wie dem Klimawandel notwendig sei. „Die politische Zeitlogik ist am Dringlichen orientiert, wobei kurzfristige politische Risiken durch Verschiebung 'bearbeitet' werden. Im Zweifelsfall wird eine weitere Kommission eingesetzt“ (84/85). Dies alles, und Beckert nennt noch weitere Faktoren, verfestige in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass demokratische Staaten grundsätzlich nicht in der Lage seien, Probleme wie den Klimawandel überhaupt zu lösen. Dies aber könne perspektivisch einen gewissen Legitimationsverlust demokratischer Institutionen nach sich ziehen und politischen Autoritarismus begünstigen (vgl. 90).
Die Botschaft ist also ganz klar: Es sind die systemischen Bedingungen der kapitalistischen Moderne, die den Klimawandel hervorgebracht haben und die daher auch eine systemimmanente Lösung des Problems verhindern. Das zeigt sich auch da, wo es um das Verhältnis zwischen den reichen Industrienationen in Europa und Nordamerika und den Ländern des globalen Südens (Kapitel 5: „Wohlstand weltweit“), um unsere westlichen Konsumgewohnheiten (Kapitel 6: „Konsum ohne Grenze“) oder eben um die Frage geht, ob und inwieweit die dem Kapitalismus immanente Systemlogik perspektivisch zugunsten einer klimafreundlichen Transformation, d.h. eines ‚grünen Wachstums‘ genutzt werden kann. Mit dieser Frage setzt Beckert sich im 7. Kapitel auseinander und zeigt zunächst, dass zwar weltweit hinreichend privates Kapital und an vielen Stellen auch der Wille vorhanden sei, dieses in klimafreundliche Projekte und Technologien zu investieren, dies setze aber Rahmenbedingungen voraus, die den Klimaschutz zum einen „in die 'Sprache der Preise‘“ übersetze (141), etwa durch ein flächendeckendes und konsequentes System des Emissionshandels und/oder andere wirksame und spürbare Formen der Bepreisung von CO2-Emissionen. Zum anderen müssten die vorhandenen Risiken für Unternehmen und Investoren abgemildert werden, was aber beides in der aktuellen politischen Landschaft nicht durchsetzbar sei: „Letzten Endes fehlt dem Staat die strategische Handlungsmacht, die notwendigen Marktanreize für die grüne Transformation zu mobilisieren“ (159). Letztlich bleibe nur die mehr oder weniger irrationale Hoffnung auf technische 'Lösungen‘ wie das Herausfiltern und Speichern von CO2 aus der Luft (Carbon Capture and Storage, CCS). Der weit verbreitete technologische Optimismus, der sich hier offenbare und den Beckert auch als „Technologismus“ abkanzelt, sei „eine Form magischen Denkens, das vom Versagen der Strukturen der kapitalistischen Moderne angesichts des Klimawandels ablenkt und dadurch schmerzhafte Entscheidungen in der Gegenwart als unnötig erscheinen lässt“ (164-65).
Aber das ist noch nicht alles, denn im achten Kapitel („Planetare Grenzen“) setzt Beckert noch eins drauf. Der „Traum vom grünen Kapitalismus“ nämlich, so heißt es da, sei „längst ausgeträumt“, weil der Klimawandel ja „nur eine Facette der ökologischen Krise ist, in die sich die kapitalistische Moderne hineinmanövriert hat“ (167): Artensterben, Versauerung der Ozeane, Land- und Wasserübernutzung, giftige Chemikalien und Mikroplastik in Luft, Wasser und Lebensmitteln etc. Und dazu kommt, dass die Strategie des 'grünen Wachstums' ja selbst zur Verschärfung der ökologischen Krise beitrage, etwa durch den dafür erforderlichen Abbau von Lithium, Kupfer und anderer Rohstoffe, der wiederum nicht nur teilweise katastrophale Umweltschäden hinterlasse, sondern ganz generell die Ressourcenübernutzung weiter vorantreibe und befördere (vgl. 174). „Grünes Wirtschaften setzt sich durch, wenn es das Wachstumsversprechen der kapitalistischen Moderne bekräftigt. Klima und Umwelt bleiben auf der Strecke“ (176).
Auch wenn Beckert uns im letzten Kapitel dann doch noch einige „konkrete Ansatzpunkte für eine realistische Klimapolitik“ (187) und eine „Postwachstumsgesellschaft“ (197/98) eröffnet, auch wenn man seinen Analysen sicherlich manches Versäumnis und manche Einseitigkeit wird vorhalten können, weil er z.B. die Rolle einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft als Maßnahme gegen den grassierenden Ressourcenverbrauch zu wenig diskutiert (vgl. Pinzler 2024b) oder bei möglichen positiven Perspektiven doch zu sehr „im Ungefähren“ (Vogel 2024: 7) bleibt und dem Lokalen als Lösungsstrategie zu wenig zutraut (vgl. ebd.) – es bleibt am Ende doch bei dem ebenso überzeugend begründeten wie niederschmetternden Resultat, dass die bisherige, an den Zielen des Abkommens von Paris 2015 orientierte Klimapolitik an den systemischen Bedingungen der kapitalistischen Moderne mit ihrem Wachstumszwang, ihrem systemnotwendigen Gewinnstreben und der damit einhergehenden Übernutzung der verfügbaren natürlichen Ressourcen gescheitert ist und dass die Hoffnungen auf grünes Wachstum, auf neues Denken und auf technologische Lösungen innerhalb des bestehenden Systems, wie sie von Pinzler, Göbel und vielen anderen seit Jahren beschworen werden, sich als Illusionen herausgestellt haben. Hat Adorno also doch recht und es gibt eben doch kein richtiges Leben im falschen System der kapitalistischen Moderne?
Zukunftsphantasien
Lassen wir die Frage vorläufig auf sich beruhen und kommen wir auf unser Thema zurück: die Zukunft. Die hier zuletzt diskutierten Bücher von Maja Göbel, Petra Pinzler und Jens Beckert sind uns ja vor allem aufgefallen, weil es bei ihnen laut Titel irgendwie um Zukunft geht, um eine Zukunft nämlich, die vor allem vom Klimawandel, aber auch von anderen insbesondere ökologischen Krisen bedroht ist und für die wir einen Kompass brauchen, oder die gar schon „verkauft“ worden und daher bereits verloren ist. Zukunft erscheint in dieser Logik als eine Perspektive, auf die hin wir Menschen unser normales Leben ausrichten und von der wir annehmen, dass sie dieses normale Leben zwar mit kleineren Anpassungen, aber ohne größere Katastrophen, wie sie etwa durch den ungebremsten Klimawandel drohen, ermöglicht. 'Zukunft' hat dann etwa eine wirtschaftliche, politische oder technologische Neuerung, wenn sie genau dies zulässt und fördert. Es handelt sich also eher um eine negative Zukunftsvorstellung, die vor allem durch das definiert ist, was sie nicht ist, nämlich ein Katastrophenszenario, das unsere bisherigen Lebensgewohnheiten nachhaltig in Frage stellen würde, anders formuliert: Die Zukunft erscheint hier mehr oder weniger wie eine in einigen Details zwar angepasste, aber ansonsten doch unveränderte Fortsetzung der Gegenwart.
Versuchen wir doch mal, uns das Leben in Deutschland in sagen wir zehn oder zwanzig Jahren vorzustellen, was sehen wir? Weltuntergang, Apokalypse, Götterdämmerung oder eine andere Art Katastrophenszenario, wie sie in den Zukunftsphantasien der Menschheit seit Jahrhunderten immer wieder beschworen werden und die sich auch heute, etwa in Form literarischer oder filmischer Dystopien, großer Beliebtheit erfreuen (vgl. dazu etwa Horn 2020), werden wohl eher nicht stattfinden, ebenso wird aber auch die schöne neue Welt auf sich warten lassen, in der die Menschheit sich endgültig von ihren irdischen Begrenzungen emanzipiert und mit Hilfe der allerneuesten Technik fremde Galaxien bereist oder doch zumindest den Mars besiedelt. Eher wird sich der schleichende Prozess der Veränderungen in unseren alltäglichen, beruflichen, gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Lebensbedingungen fortsetzen, wie er sich ja schon länger beobachten lässt und der durch die bestehenden Krisenerscheinungen verursacht ist. Wahrscheinlich werden wir auch in zehn oder zwanzig Jahren noch mehr oder weniger unser bisher vertrautes Leben leben, das nur unter sich immer weiter erschwerenden Bedingungen stattfinden wird. Wie werden morgens vielleicht mit dem autonom fahrenden Elektroauto von BYD statt mit dem VW Diesel zur Arbeit fahren und dafür wegen der immer länger und häufiger werdenden Staus, der immer noch maroden Straßen und Brücken und wegen der kaum noch vorhandenen Parkplätze in den Innenstädten immer länger brauchen, und vielleicht werden viele dann doch auf die mittlerweile zwar verbesserten, aber weiterhin nicht ausreichenden und zudem kaum erschwinglichen Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs zurückgreifen oder die neuen Fahrrad-Schnellwege nutzen. Die Städte werden weiter gewachsen sein, die ländlichen Gebiete weiter verödet, Einkaufsmöglichkeiten, Bildungseinrichtungen oder andere Angebote der Daseinsvorsorge gibt es dort mittlerweile gar nicht mehr, was den Drang in die großen Städte weiter verschärft. Unsere städtischen Wohnungen sind mittlerweile fast alle an Fernwärmenetze angeschlossen oder werden über Wärmepumpen beheizt, die Mieten inklusive Nebenkosten sind für Geringverdiener allerdings gar nicht mehr und für Normalverdiener nur noch knapp und unter Verzicht auf vieles andere, z.B. die Perspektive auf den Erwerb von Wohneigentum, finanzierbar. Verarmung und Obdachlosigkeit haben zuletzt dramatisch zugenommen, Todesfälle durch Kälte oder Hunger werden häufiger, werden von Staat und Gesellschaft achselzuckend hingenommen. Strom kommt zwar fast ausschließlich aus erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind, die Versorgung ist aber aufgrund der enorm gestiegenen Nachfrage durch Elektromobilität, den Umstieg der Industrie auf CO2-neutrale Produktionstechnologien, die überall entstehenden riesigen KI-Rechenzentren usw., aber auch durch immer häufigere digitale und analoge Anschläge auf die kritische Infrastruktur nicht mehr gesichert; immer wieder kommt es – anders lautenden Willensbekundungen etwa seitens der Regierung oder der Bundesnetzagentur zum Trotz – zu Engpässen und zu lokalen Blackouts.
Auch weiterhin werden viele Menschen jährlich in Urlaub fahren, die, die es sich leisten können, gerne auch zwei oder dreimal im Jahr. Die schon lange vom 'over-tourism' überlasteten Reiseziele werden weiterhin aufgesucht, was die dortigen sozialen und ökologischen Probleme bereits enorm verschärft hat, so dass es immer wieder auch zu Übergriffen gegen Touristen kommt. Gleichzeitig wächst der Druck auf Regionen, die bisher noch weniger im Fokus der Tourismus-Industrie stehen wie etwa die Strände im nördlichen Albanien, bislang noch kaum erschlossene Wintersportorte in den Hochalpen oder Bergtouren im Himalaya, eine für den zu erwartenden (oder erhofften) Massenansturm geeignete touristische Infrastruktur bereitzustellen, ohne Rücksicht auf soziale, ökonomische oder ökologische Interessen der jeweiligen lokalen Bevölkerung oder der Natur. Viele Touristen erleben allerdings mittlerweile an ihren vermeintlich malerischen Reisezielen immer häufiger unangenehme Überraschungen: Ausbleibenden Schnee und abrutschende Berghänge im Winter, Waldbrände, die sich bis in die Touristenregionen ausbreiten, Starkregen, Stürme, Überschwemmungen und andere Nebenerscheinungen des ungebremst weitergehenden Klimawandels. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser kann an vielen Orten mittlerweile nur noch mit großer Mühe aufrechterhalten werden, was nicht nur die Preise etwa für aus anderen Ländern importiertes Mineralwasser in Plastikflaschen in die Höhe treibt, sondern auch zu sozialen Spannungen und Konflikten führt.
Auch zu Hause werden wir den Folgen des Klimawandels und anderer ökologischer Katastrophen, die ja genau so ungebremst weitergehen, im alltäglichen Leben immer häufiger begegnen. Auch hier werden verheerende Stürme, Dauerregen aufgrund des nachlassenden Jet-Streams und Überschwemmungen ebenso zunehmen wie Hitzeperioden, Dürre und Wasserknappheit im Sommer. Immer häufiger werden Menschen an bakteriell verursachten Krankheiten sterben, weil durch die großflächige Verwendung von Antibiotika in der Massentierhaltung der Agrarindustrie Resistenzen entstehen, die die heilende Wirkung der antibiotischen Therapie beeinträchtigen. Die Welt hat mittlerweile weitere Pandemien erlebt, weil immer wieder irgendwo auf der Welt neue gefährliche Viren entstehen, die sich in ähnlicher Rasanz über die ganze Welt verbreiten, wie es beim CoVid19-Virus Anfang 2020 auch der Fall war, und die auch immer wieder ähnliche tödliche Schäden anrichten. Darauf, dass 'die Menschheit‘ daraus lernen und ihre Lebensweise anpassen würde, deutet bisher wenig hin.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz haben mittlerweile alle Lebensbereiche fest im Griff, was zwar neue Jobs geschaffen und an vielen Stellen in Alltag und Berufsleben zu Erleichterungen und Verbesserungen bei einfachen Prozessen führt, was aber gleichzeitig auch mit dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze einhergeht. Zwar konnte durch riesige Investitionen der EU ein Konsortium europäischer Digitalfirmen geschaffen werden, das an der Entwicklung von KI-Innovationen und damit auch an der enormen Wertschöpfung durch KI partizipiert, dies konnte aber nicht verhindern, dass der größte Teil des Gewinns an die ja schon lange den Markt beherrschenden Digitalfirmen im amerikanischen Silicon Valley abfließt und deren ökonomische und politische Macht weitgehend unkontrollierbar vergrößert hat. Politik, Recht oder Meinungsbildung werden in den USA, aber auch in vielen anderen, auch europäischen Ländern wie Deutschland nicht mehr von gewählten Politikern, Parlamenten und Gerichten und erst recht nicht mehr vom offenen Diskurs einer freien Öffentlichkeit bestimmt, sondern von den sich längst jeder Kontrolle entziehenden Algorithmen der KI.
In den USA hat sich die Tendenz zur Abschaffung der bisherigen demokratischen Ordnung dramatisch zugespitzt. Schon im Jahr 2026 hat der damalige Präsident die im Zusammenhang mit Übergriffen der Migrationsbehörde ICE stehenden tumultartigen Proteste in verschiedenen Teilen des Landes zum Anlass genommen, den nationalen Notstand auszurufen und die für November 2026 vorgesehenen midterm elections auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Der 2028 neu gewählte und 2032 ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigte Präsident J.D. Vance hat bereits die Absicht bekundet, auch 2036 zu einer dritten Amtszeit anzutreten, erkennbaren Widerstand gegen diesen Bruch der Verfassung ist bisher nicht erkennbar, auch weil Vance mittlerweile den Kongress weitgehend entmachtet und den Supreme Court zu 100% mit Gefolgsleuten der MAGA-Bewegung besetzt hat. Die demokratische Partei ebenso wie andere politische Parteien und Bewegungen, die zu Widerstand gegen den Präsidenten und die MAGA-Bewegung aufgerufen haben, wurden verboten, ihre führenden Amtsträger und Funktionäre erschossen oder in Lagern inhaftiert. Große Teile der Bevölkerung der USA sind auf der Flucht oder haben bereits in Kanada, Australien oder in verschiedenen europäischen Ländern Zuflucht gefunden.
In Deutschland ist die rechtsextremistische Partei AfD seit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2026 zur Regierungspartei aufgestiegen, teilweise aus eigener Kraft, teilweise mit Hilfe der CDU, was bei dieser wiederum zu einer inneren Zerreißprobe geführt hat, an der sie letztlich zerbrochen ist. Andere Parteien der Mitte wie etwa die SPD sind zuletzt bei mehreren Wahlen an der 5%-Hürde gescheitert, was auch hier zu dramatischen internen Konflikten geführt hat. Auch auf Bundesebene haben sich die in den 2020er Jahren ja schon absehbaren Wahlerfolge der AfD weiter fortgesetzt, seit 2030 stellt diese Partei jetzt sowohl die Bundeskanzlerin als auch in einigen Ländern den Ministerpräsidenten. Ein von den bisherigen Parteien der Mitte noch 2027 beim Bundesverfassungsgericht eingebrachtes Verbotsverfahren gegen die AfD ist dort krachend gescheitert, was der Zustimmung zur AfD und ihren rechtsextremistischen politischen Zielsetzungen weiteren Auftrieb gegeben hat. Zahlreiche Menschen und ganze Familien mit Migrationsgeschichte wurden mittlerweile schon aus Deutschland deportiert, andere durch Entzug der Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis zum Verlassen des Landes gezwungen. Der anfänglich noch heftige zivilgesellschaftliche und juristische Widerstand gegen diese und andere politische Maßnahmen, etwa auch in der Bildungs- und Sozialpolitik, ist mittlerweile weitgehend erlahmt, weil einige besonders auffällige Repräsentanten des Widerstands inhaftiert oder „auf der Flucht erschossen“, andere und insbesondere die noch amtierenden Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts bedroht und eingeschüchtert wurden….
Nun ist unser Ausflug in die Zukunft unter der Hand doch ein wenig auf Abwege ins Apokalyptische und politisch Unappetitliche geraten, deswegen brechen wir das lieber hier ab, auch wenn noch viel zu sagen wäre, etwa zu den absehbaren Folgen des Klimawandels, zu sich verschärfenden Migrationsbewegungen oder auch zur Entwicklung der Wirtschaft. Andere würden vielleicht bei ihren Erzählungen über die Zukunft stärker auf das Thema Krieg und Frieden eingehen, das uns ja spätestens seit 2022 wieder intensiv beschäftigt und das uns voraussichtlich auch in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren nicht loslassen wird. Wieder andere sehen die Zukunft vielleicht stärker von ihrem eigenen persönlichen Leben her und fragen sich, ob es wirklich so schlimm wird, wie gerade beschrieben oder ob das nicht doch alles völlig übertrieben ist? Viele werden sich vielleicht eher fragen, ob sie dann vielleicht Kinder oder Enkel haben werden und was die Zukunft für diese bereithält und welche Perspektiven sich ihnen bieten, etwa bei der Bildung, in der Arbeitswelt, bei der Gesundheitsversorgung oder bei der Rente? Wie werden sie ihr Leben finanzieren können, zumal dann, wenn sie vielleicht nicht zu den Privilegierten gehören, die ein reiches Erbe erwarten können? Und sicher gibt es auch viele, die der Zukunft eher optimistisch entgegensehen, sei es, weil sie das ständige Gerede von der Klimakatastrophe oder anderen Untergangsszenarien satt haben und sich davon nicht die Laune verderben lassen wollen, oder sei es, dass sie trotz allem auch die vielen positiven und Mut machenden technischen Innovationen oder sozialen Projekte und Initiativen sehen, die sie letztlich doch daran glauben lassen, dass es mit dem Fortschritt der Menschheit weiter vorangehen wird.
Aber ganz gleich, was genau wir sehen, wenn wir uns die Zukunft vorstellen: Haben wir denn im Hier und Heute das Gefühl, dass wir das Richtige tun, dass wir am richtigen Ort sind, dass uns die richtigen Dinge wichtig sind und dass wir wissen, warum wir das Leben so leben, wie wir es eben leben? Oder halten wir uns nur an dem fest, was wir bisher für wahr und für richtig gehalten haben, weil wir nichts anderes kennen und weil wir Angst haben, vollends die Richtung und die Orientierung zu verlieren, weil sich gerade so viel um uns herum verändert? Und denken wir nicht genau deswegen gerade so viel an die Zukunft, weil uns in den multiplen Krisen die Sicherheiten abhandengekommen sind?
Bleiben wir noch einen Moment bei diesem Gedanken stehen und versuchen wir ihn mit Hilfe sozialphilosophischer Kategorien ein wenig grundsätzlicher zu formulieren. Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem 2016 erstmals erschienenen Buch Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung gezeigt, wie die für die moderne kapitalistische Gesellschaft charakteristische „Eskalationstendenz“, d.h. die Tendenz zu ständigem Wachstum und ständiger Beschleunigung und Dynamisierung auch das „menschliche Weltverhältnis“ grundlegend verändert, also die Art und Weise, in der Menschen die Welt wahrnehmen, sie sich aneignen und sich zu ihr verhalten:
„Dynamisierung in diesem Steigerungssinn bedeutet, dass sich unsere Beziehung zum Raum und zur Zeit, zu den Menschen und zu den Dingen, mit denen wir umgehen, und schließlich zu uns selbst, zu unserem Körper und unseren psychischen Dispositionen, fundamental verändert“ (Rosa 2016: 14).
Das, was wir im Alltag und in der Politik als Krise wahrnehmen, ist dann Ausdruck dieser „Eskalationstendenz“ der spätkapitalistischen Gesellschaft, und unser von Angst und Verunsicherung geprägter Blick auf die Zukunft ist Ausdruck unseres grundlegend veränderten Verhältnisses zur Welt. Zukunft erscheint uns nicht mehr als Fortsetzung der Gegenwart, die wir selbst nach unseren Wünschen und Vorstellungen gestalten können, sondern als von dunklen Mächten und schicksalhaften Einflüssen und Gesetzmäßigkeiten dominierte Bedrohung, die wir selbst nicht mehr in der Hand haben und die sich unserem eigenen Zutun entzieht. Die Deutung der Zukunft als ein für menschliches Handeln prinzipiell offener Möglichkeitsraum und die ständigen Appelle an uns, doch lieber positiv zu denken und die trotz allem noch vorhandenen Handlungsmöglichkeiten zu nutzen, wie sie sich in den oben diskutierten Publikationen, aber auch anderswo häufig finden, erweisen sich so eher als Pfeifen im Wald. Sie werden uns nicht weiterhelfen, so lange die tieferliegenden Gründe und Ursachen des Problems nicht wahrgenommen und nicht als solche anerkannt werden.
Vorläufiges Fazit
Zukunft, so können wir erst mal festhalten, ist ein Problem, dem wir nicht ausweichen können und zu dem wir uns irgendwie verhalten müssen, auch wenn wir immer öfter das Gefühl haben, dass eben diese Zukunft sich unserem Einfluss entzieht. Unsere bisherigen Bemühungen, dem Problem dadurch näher zu kommen, dass wir uns anschauen, wie es von anderen Autorinnen und Autoren angegangen wird, haben uns zwar insofern ein wenig weitergeholfen, als sie zumindest mal verschiedene Bereiche sichtbar gemacht haben, in denen das Problem auftritt, neue Perspektiven haben sie aber eher nicht eröffnet. Die zuletzt aufgeworfene Frage des zukunftsbezogenen menschlichen Weltverhältnisses und der (Un)Verfügbarkeit der Zukunft für menschliches Handeln wird sich aber vielleicht dadurch sinnvoll weiterverfolgen lassen, dass wir die Rede von der 'Zukunft' zumindest vorübergehend mal stornieren und statt dessen unserer Suche einen Begriff zugrunde legen, der zum einen über eine lange Tradition in der Geistes- und Kulturgeschichte verfügt und in dem zum anderen das zukunftsbezogene menschliche Weltverhältnis immer schon mitgedacht ist: Hoffnung. Darum also soll es im nächsten Blog-Beitrag gehen.
Claus Altmayer
Literatur
1. Besprochene Bücher
Beckert, Jens (2024): Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. Berlin: Suhrkamp
Gaub, Florence (2023): Zukunft. Eine Bedienungsanleitung. München: dtv.
Göpel, Maja (2025): Werte. Ein Kompass für die Zukunft. Wien: Brandstätter.
Horx, Matthias (2024): Der Zauber der Zukunft. Wie wir die Welt verändern. München: Goldmann.
Pinzler, Petra (2024a): Hat das Zukunft oder kann das weg? Der Fortschrittskompass. Frankfurt a.M./New York: Campus.
2. Sonstige erwähnte Literatur
Beckert, Jens (2018): Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp.
Göpel, Maja (2020): Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Berlin: Ullstein.
Hölscher, Lucian (2016): Die Entdeckung der Zukunft. 2. Auflage. Göttingen: Wallstein.
Horn, Eva (2020): Zukunft als Katastrophe. Zweite Auflage. Frankfurt a.M.: S. Fischer.
Marx, Karl (2013): Thesen über Feuerbach. In: Karl Marx: Werke, Schriften. Hrsg. von Hans-Joachim Lieber. Band 2: Frühe Schriften II. Darmstadt: Lambert Schneider, S. 1-4.
Pinzler, Petra (2024b): Jenseits der Moral: Kommentar zu „Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ von Jens Beckert. In: Soziopolis. Gesellschaft beobachten. Online: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/94992 (zuletzt aufgerufen am 15.01.2026).
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
Rust, Holger (2009): Zukunftsillusionen. Kritik der Trendforschung. Wiesbaden: VS.
Seefried, Elke (2015): Zukünfte. Aufstieg und Krise der Zukunftsforschung 1945-1980. Berlin/Boston: de Gruyter.
Vogel, Berthold (2024): Klimafragen sind Gesellschaftsfragen. Rezension zu: „Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ von Jens Beckert. In: Soziopolis. Gesellschaft beobachten. Online: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/93692 (zuletzt aufgerufen am 15.01.2026).